Mit weniger Pflanzenschutzmitteln profitabel bleiben

LLH-Direktor Sandhäger und RP Ullrich im Dialog mit Marburger Landwirt

Marburg(pm). Vielerorts präsentierten sich die Rapsfelder in leuchtendem Gelb. Die Vorteile dieser Nutzpflanze sind vielfältig und reichen vom nachwachsenden Rohstoff und Lebensmittel über die wichtigste Trachtpflanze der Imkerei bis hin zur Tierernährung und dem Erosionsschutz. Raps kann in verschiedenen Klimazonen und Bodentypen gedeihen, jedoch ist ein profitabler Rapsanbau auch mit dem Einsatz von Pflanzenschutzmitteln (PSM) verbunden. Der Wegfall u.a. von Insektiziden und Beizen stellt die Anbauenden vor große Herausforderungen.

Betriebe müssen flexibel agieren und reagieren können

Die hessische Landesregierung beabsichtigt bis 2030 den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln um 30% im Vergleich zum Referenzzeitraum 2015-17 zu reduzieren. Andreas Sandhäger, Direktor des Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen (LLH) und der Gießener Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich besuchten kürzlich den Ackerbaubetrieb von Rainer Henz in Marburg-Moischt und tauschten sich über die Möglichkeiten aus, wie die beabsichtigten politischen Ziele zur PSM-Einsparung erreicht werden können und welche Herausforderungen damit verbunden sind.
Rainer Henz ist Zuchtbetrieb für Angusrinder und führt einen 200 Hektar umfassenden Ackerbaubetrieb nach den Prinzipien des integrierten Landbaus. Der Landwirt betonte: „Natürlich reduzieren wir bereits soweit möglich chemischen Pflanzenschutz, aber dies ist immer witterungs-und vegetationsabhängig. Ein wirtschaftlich erfolgreicher Betrieb lässt sich nur mit ertragreichen Ernten in den geforderten Qualitäten führen. Dabei können wir nicht vollständig auf chemischen Pflanzenschutz verzichten.“ Aufgrund zunehmender Resistenzen bei Ungräsern und Unkräutern und immer weniger zur Verfügung stehenden Wirkstoffen rücken mechanische Verfahren und Bodenbearbeitung zur Beikrautregulierung wieder mehr in den Fokus. Die Zeitfenster hierfür sind jedoch wesentlich enger bei gleichzeitig erhöhtem Arbeitsaufwand. Der Ackerbaubetrieb Henz verfügt über diese zeitlichen Kapazitäten, was in ackerbaulich kleineren Betrieben oder mit beispielsweise größerer Tierhaltung eine Herausforderung darstellt. „Es ist wichtig, dass die Betriebe weiterhin flexibel agieren und reagieren können“, erklärte Andreas Sandhäger. Der LLH-Direktor ergänzte, dass die pflanzenbauliche Beratung unterstützt und dahingehend informiert, wann Behandlungen entsprechend der Schadschwellen notwendig werden. Dieses gemeinsame Vorgehen trage wesentlich zur Einsparung bei, so Sandhäger weiter.

PSM bei sachgemäßer Anwendung unbedenklich

Im Gespräch wurde hervorgehoben, dass der fachkundige Umgang oftmals in der Diskussion in den Hintergrund gerät. Bevor Praktiker wie Rainer Henz PSM ausbringen dürfen, muss ein Sachkundelehrgang absolviert und sich anschließend alle drei Jahre fortgebildet werden. Hier werden u.a. Schadschwellen erklärt, die die Entscheidungsgrundlage dafür bilden, ob und ab wann ein PSM-Einsatz notwendig sein kann. Regierungspräsident Ullrich betonte die hohe Bedeutung der Überwachung von Schaderregern durch den Pflanzenschutzdienst Hessen beim RP  in guter Zusammenarbeit mit dem LLH. Das sei die Voraussetzung für Meldungen des Warn- und Hinweisdienstes vom Pflanzenschutzdienst. Nur dadurch könne ein optimales Timing der Maßnahmen und somit eine erfolgreiche Umsetzung des integrierten Pflanzenschutzes insgesamt erreicht werden. RP Ullrich ergänzte: „Dabei ist wichtig zu wissen, dass eine verspätete Anwendung beim Pflanzenschutz oftmals folgende Konsequenzen hat. Entweder führt das zu erhöhtem Aufwand an Pflanzenschutzmitteln im Verlauf der Vegetation oder zu signifikanten Ertragseinbußen, was nicht den Vorgaben des integrierten Pflanzenschutzes entspricht.“

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Nach Ansicht von LLH-Direktor Andreas Sandhäger ist zudem ackerbaulich das grundlegende Verständnis von Bedeutung: „Mit dem chemischen Pflanzenschutz sollte ein Maßnahmen-Mix verbunden werden – darunter phytosanitäre Maßnahmen, angefangen bei der Fruchtfolge. Jeder Betrieb muss seinen individuellen Weg finden, sich wirtschaftlich erfolgreich zu etablieren oder es zu bleiben.“ Der integrierte Pflanzenschutz steht im Mittelpunkt des pflanzenbaulichen Handelns.

Mit Wirkstoffwechsel Resistenzen vorbeugen

Entscheidend für einen langfristig wirksamen Pflanzenschutz ist ein Wirkstoffwechsel. Bliebe dieser aufgrund fehlender Alternativen aus, können Schädlinge wie der Rapsglanzkäfer oder Pilzkrankheiten eine Toleranz gegenüber den verwendeten Pflanzenschutzmitteln entwickeln und im Rapsanbau somit Resistenzen gegen PSM entstehen. „Werden den Landwirtinnen und Landwirten die Wirkstoffe genommen, haben sie weniger Möglichkeiten des Wirkstoffwechsels. Es benötigt wenigstens drei verschiedene Wirkstoffe und Wirkstoffklassen pro Kultur, um
Resistenzen vorzubeugen“, hob Andreas Sandhäger hervor.

Ziel der Pflanzenschutzminimierung näherkommen

„Jährliche Versuche zum PSM-Einsatz, die vom Pflanzenschutzdienst Hessen koordiniert und dem LLH durchgeführt werden, zeigen, dass bei einem Verzicht von PSM deutliche Ertrags- und Qualitätseinbußen zu verzeichnen sind, aber anderseits übermäßiger PSM-Einsatz keinen wirtschaftlichen Nutzen bringt. Diese Versuche sind sehr wichtig für Landwirtinnen und Landwirte, denn PSM sind sehr teuer“, erklärte LLH-Pflanzenbauberater Herbert Becker, als langjähriger persönlicher Berater von Rainer Henz ebenfalls beim Gesprächstermin vor Ort. Der Experte ergänzte: Gemäß dem Grundsatz des integrierten Pflanzenschutzes ,so wenig wie möglich, so viel wie nötig‘ betreiben wir im Ackerbau gute fachliche Praxis, bei der wir Entscheidungen zum
Pflanzenschutz gezielt treffen.“ An Aufkommen und Intensität von Krankheiten und Schädlingen müsse sich jedes Jahr aufs Neue angepasst werden. Die präzise Nutzung von Sortenempfehlungen, des Warndienstes sowie der Beratungsdienste und sich entwickelnden Precision Farming-Verfahren können dazu beitragen, dem Ziel der Pflanzenschutzminimierung näher zu kommen.

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