Der Western ist nicht tot

Der Bad Wildunger Journalist Peter Fritschi hat mit dem Münchner Autor Leslie West gesprochen
 
Von Peter Fritischi. Karl May, Bonanza, Sergio Leone, G. F. Unger – war ‘s das? Noch lange nicht, sagt der Münchner Ludwig Webel. Unter seinem Pseudonym Leslie West erscheint nun – in einem Münchner Verlag – eine fünfbändige „Werkausgabe“ seiner bisherigen Romane und Erzählungen um die Wildwestlegende Kit Carson, die mehrere tausend Seiten umfasst.

Seit 35 Jahren arbeitet der Diplom-Übersetzer Ludwig Webel bei der Stadt München im Fremdenverkehr. „München Tourismus“ ist seit einigen Jahren der offizielle Name seiner Dienststelle, die zum Referat für Arbeit und Wirtschaft gehört. Weit länger aber interessiert er sich für den „seriellen“ Western in jeder Form: Buch-, Fernseh-, Romanheft- und Comic-Serien mit durchgehenden Protagonisten. Als Jahrgang 1957 ist er mit TV-Serien wie „Bonanza“ und „Die Leute von der Shiloh Ranch“ aufgewachsen. Mit Romanheft-Serien wie „Wyatt Earp“ und natürlich auch „Lassiter“. Mit Comic-Serien wie „Bessy“ und „Lasso Western“. Vor allem aber mit Karl May. Den hat er verschlungen. Und dazu steht er:„Wenn man Karl Mays Wildwestromane heute wegen historischer Ungenauigkeiten tadelt, dann ist das ein zu einseitiger Kritikansatz. Die ersten 33 Bände der klassischen grünen Ausgabe des Karl-May-Verlags sollten am besten als ‚fiktive Autobiografie‘ gelesen werden. Sie stellen einen Mythos dar. Oder präziser, wie es Roland Barthes definiert hat: ein in sich geschlossenes ‚sekundäres semiologisches System‘.“

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Der Autor weiß, wovon er spricht. Seine Diplomarbeit „Semiotische Analysen zu Comic Strips und ihrer Übersetzung“ ging vom Textkonstituentenmodell Umberto Ecos aus und erhielt 1983 die Bestnote. Seitdem hat Webel einige Dutzend Comic-Alben aus Fremdsprachen übertragen. Ebenso „Das große Ehapa Comic Lexikon“, für das er auch Beiträge verfasst hat. Doch zurück zum Western. Was soll es denn da noch Neues geben, das bisher nicht gedruckt oder verfilmt wurde fragt Peter Fritschi:
„Nun, wo soll ich anfangen? Cowboys und Indianer, Viehtriebe, Rinderstädte, Bürgerkrieg, Indianerkriege, Ballereien – klar, das war alles bereits tausendfach da, vom höchsten bis zum niedrigsten Niveau.

Was aber blieb überwiegend außen vor? Zum Beispiel grandiose, geradezu magische Landschaften, die erst erschlossen werden mussten. Verborgene Schätze aus spanischer Zeit. Detaillierte historische Zusammenhänge, die in den schwierigen Anfangsjahren der amerikanischen Nation leicht einen anderen Geschichtsverlauf hätten ergeben können. Die Solutréenmenschen, die bereits während der Eiszeit vor über 13.000 Jahren aus dem heutigen Nordfrankreich nach Amerika kamen und dort ihre Spuren hinterlassen haben. Und so vieles mehr.“
Fritschi: Das klingt aber nicht so ganz nach „klassischem“ Western.
Webel:„Das war anfangs auch irgendwie mein Problem. Wie sollte ich solche ‚neuen‘ Thematiken in dieses eben ‚klassische‘ Westernschema einbringen? Der historische Kit Carson, der als Trapper, Scout, Indianeragent und Brigadegeneral die spannendsten amerikanischen Zeitalter persönlich erlebt hat, passt eben genau in die Zeit, über die ich schreibe, von 1832 bis 1863. Seine großen Verdienste bei der Erschließung eines unbekannten Kontinents wurden durch seine spätere Indianerpolitik geschmälert. Doch er war ein Sohn seiner Zeit und hat unangenehme Pflichten vielleicht deshalb übernommen, weil er wusste, dass jeder andere sie noch weit schlimmer umgesetzt hätte.

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Dennoch: Für mich war er das ideale ‘Muster’, ein historischer Anker, an dem ich meine Romane und Erzählungen festmachen konnte. ‚Mein‘ Kit Carson ist im Erscheinungsbild und Wesen weit freier angelegt als der historische, das gebe ich unumwunden zu. Der historische Hintergrund muss bei mir absolut und präzise stimmen, das ist meine Prämisse. Aber darum herum spinne ich eben mein eigenes Garn: Die Suche nach einem Schatz, den die Jesuiten nach ihrer Vertreibung von der niederkalifornischen Halbinsel Ende des 18. Jahrhunderts angeblich dort zurückgelassen haben. Eine historische Verschwörung (1805), deren Nachfolgerin 1832 die noch junge Nation ebenfalls in drei Teile hätte aufspalten können. Und eine Expedition, die auf der 1825 neuen Wissenschaft der Paläontologie basiert und dabei unvermutet auf die Spuren der Solutréenmenschen stößt.“
Fritschi: Die Frage, ob das wirklich noch unter ‚Western‘ läuft, ist also mehr als berechtigt.

Webel:„In welcher Schublade aber könnte ich meine Romane sonst unterbringen? Sie sind ja auch ein Versuch, die klassische Abenteuerliteratur wiederzubeleben, mit allem was dazugehört. Poetische Landschaften, romantische Verwicklungen, Fernweh, Freundschaft … . Thomas Ostwald, ein profunder Kenner und Bewahrer klassischer Unterhaltungsromane, selbst Autor zahlreicher spannender Romanserien in vielen historischen Sparten, hat meine Romane als ‚Top-Lektüre‘ und ‚absolut empfohlen!‘ bezeichnet. Das ist für mich wie ein Ritterschlag.“ Näheres zum Autor und zur Werkausgabe ist zu finden auf: https://www.epubli.de/shop/autor/Leslie-West/28049

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