Woche der seelischen Gesundheit: Tipps rund um Resilienz und mentale Fitness

Haina(pm). Der 10. Oktober ist Welttag für psychische Gesundheit, von 10. bis 20. Oktober schließt sich die Woche der seelischen Gesundheit unter dem Motto „Lass Zuversicht wachsen – psychisch stark in die Zukunft“ an. Was können wir tun, um psychisch stark zu bleiben? Dr. Svenja Kräling, Leitende Psychologin der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Haina, gibt Tipps für den Alltag und verrät, wie sie sich selbst gegen mentale Herausforderungen wappnet. Uns bewegen viele Themen: Weltweit unsichere politische Lagen, Wirtschaftsflauten, Kriege unter anderem in der Ukraine und in Gaza und vieles mehr. Wie wirken sich solche Krisen auf unsere Psyche aus? Gerade wenn so viele Krisen parallel kommen, ist das eine große Herausforderung für unser Psyche. Wir sind zwar evolutionär dafür vorbereitet, mit Herausforderungen umzugehen: Seien es unsichere Lebensbedingungen, akute Bedrohungen oder auch eine sich ständig ändernde Umwelt. Aber der Mensch ist eher dafür ausgestattet, Krisen nachzueinander zu bewältigen. Das Problem heutzutage ist, dass alles gleichzeitig kommt. Zwischen Belastungsphasen brauchen wir Entspannung, einen mentalen Reset. Der Akku muss aufgeladen werden. Wenn wir nicht auch mal runterfahren können, sinkt unsere Widerstandsfähigkeit. Wir sind gereizter und werden handlungsunfähiger, weil wir uns überfordert fühlen. Das kann sich auch aufs körperliche Immunsystem auswirken, sodass wir häufiger krank werden.


Was kann ich tun, damit ich trotz aller Krisen psychisch stark bleibe?
Man kann sich nicht gezielt auf Krisen vorbereiten. Man kann sich aber körperlich und psychisch stabil aufstellen. Das beginnt mit einer soliden Basis: Den eigenen Gefühlen mit Verständnis zu begegnen, aber sich auch gut zu versorgen. Dazu zählen gute Ernährung, genügend Schlaf und Bewegung in der Natur. Auch soziale Kontakte gehören zur psychischen Basispflege. Man kann darüber hinaus überlegen, welches Thema mich besonders belastet und welche Veränderungen möglich sind. Tut hoher Medienkonsum gut? Will ich aktiv werden, möchte ich mich einbringen: politisch, gesellschaftlich, in einer Klimabewegung, damit ich nicht hilflos zusehen muss, wie Dinge sich zum Negativen verändern? Wenn es um die innere Widerstandskraft geht, sprechen wir von Resilienz.

Warum sind Menschen so unterschiedlich resilient?
Das Temperament stellt eine Art genetischer Grundausstattung dar. Man kennt das von Kindern, die einen sind von Geburt an „robuster“, andere sensibler. Eine wichtige Rolle spielt das Urvertrauen, das wir in der Kindheit gewonnen haben. Durch die Art, wie uns das Umfeld begegnet, lernen wir, wie viel Vertrauen wir in die eigenen Fähigkeiten haben können, welchen Wert wir uns zumessen. Resilienz ist nichts, was man hat oder nicht. Sie wächst mit den Erfahrungen, die wir machen, und vor allem mit der Bewältigung von Krisen. Wenn wir Herausforderungen gut bewältigt haben, steigt das Vertrauen in unser eigenes Krisenmanagement.
Also kann man Resilienz lernen?
Ja. Wer sich bisher nicht besonders resilient gefühlt hat oder Misserfolge verarbeiten musste, kann sich vor Augen führen, was er oder sie in der Vergangenheit schon geschafft hat oder sich bewusst in Situation begeben, die mit Unsicherheit einhergehen, aber prinzipiell bewältigbar scheinen. Aus der Komfortzone herauszugehen, ist erst mal kein angenehmes Gefühl. Aber Resilienz erwirbt man eben genau dadurch: das Meistern von Herausforderungen.
Also Friedrich Nietzsches berühmte Aussage „Was mich nicht umbringt, macht mich stärker“?
Genau, und es gibt noch viele weitere Sprüche. „Wer durchs Feuer geht, fürchtet keine Funken mehr.“, „Im Feuer der Krise wird wahre Stärke sichtbar.“, „Krisen sind Werkstätten für innere Stärke.“ Resilienz bedeutet, sich eine mentale Hornhaut zuzulegen, ein bisschen abzustumpfen. So schmerzlich das auch sein kann: Im Nachgang merkt man, welche Fähigkeit man ausgebaut oder neu erworben hat. Das gibt Kraft für zukünftige Herausforderungen.
Der Sommer ist vorbei, die Tage werden kürzer und grauer.

Beeinflusst der November-Blues unser Wohlbefinden?
Auch da kommt es auf die persönliche Empfänglichkeit an. Es gibt Menschen, die das Herbstwetter sehr beeinträchtigt. Wenn die Psyche schon angeschlagen und der Akku nicht mehr voll ist und man die Sonne braucht, dann werden weitere Belastungen umso stärker wahrgenommen. Sommer ist eine Zeit der Ablenkung mit vielen positiven Ereignissen, man ist oft draußen. Wenn im Herbst der Fokus nach innen geht, kann es sein, dass sich Ängste und negative Stimmungen verstärken. Licht- und Vitamin-D-Mangel spielen in jedem Fall eine Rolle beim November-Blues. Wer das stärker merkt, sollte sich vom Hausarzt auf Vitamin D-Mangel untersuchen lassen. Auch ich habe damit jedes Jahr Probleme, obwohl ich im Sommer viel draußen bin.
Was tun Sie persönlich, um resilient zu bleiben?
Ich tue das vor allem indirekt, indem ich mich bemühe, meinen Akku auf einem möglichst guten „Ladezustand“ zu halten. Ich weiß: Stressige Phasen werden kommen und sind Teil meines Alltags. Ich mache relativ viel Sport, verbunden mit Zeit in der Natur. Ich bemühe mich, mich großteils gesund zu ernähren. Ich verbringe gerne Zeit mit Freunden oder der Familie, brauche aber Zeit alleine, um „social zu detoxen“. Das ist meine Selbstfürsorge. Ich muss aber auch sagen: Das klappt so lala, je nach Stresslevel und wie gut ich meine Bedürfnisse wahrnehmen kann. Da geht es Psychologen nicht besser als allen anderen. Wenn Probleme auftauchen, bin ich eher der Typ, der das „schnell weg haben“ will. Dieser Pragmatismus ist für mich ein Schutzfaktor: Mir ist es wichtiger, dass das Problem erst mal vom Tisch ist, als gleich die perfekte Lösung zu suchen. Ich kann jedem empfehlen, die eigenen Ansprüche zu reflektieren und sich unterstützende Gedanken zurechtzulegen, die Mut machen.


Zur Person:
Dr. Svenja Kräling ist seit 2016 Leitende Psychologin der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Haina. Sie begann ihre Karriere bei Vitos Haina bereits 2009. Ihr Studium und nachfolgende Weiterbildungen zur Psychologischen Psychotherapeutin und Supervisorin hat sie in Marburg und Bad Dürkheim absolviert. Neben ihrer Tätigkeit bei Vitos hat sie einen Lehrauftrag an der Justus-Liebig-Universität Gießen und ist freiberufliche Dozentin und Supervisorin. Zudem engagiert sie sich für den Ausbaudigitaler Behandlungsangebote wie Curamenta, das Portal für psychische Gesundheit.
Information
Ausführliche Informationen rund um die psychische Gesundheit sind auf dem Gesundheitsportal www.curamenta.de zu finden.