Herbstumfrage: Unternehmen halten sich mit Investitionen zurück

Carsten Rahier: Metall- und Elektroindustrie setzt alles daran Beschäftigten zu halten und zu qualifizieren

Kassel(pm). Vorsichtig optimistisch war Hessens Metall-und Elektroindustrie in das Jahr 2022 gestartet. Dieser Optimismus ist verflogen: Das Ergebnis der aktuellen Herbstumfrage des Arbeitgeberverbands Hessenmetall zeichnet für Nordhessen ein dunkleres Bild. Während in der Momentaufnahme noch 95 Prozent der Unternehmen die allgemeine Geschäftslage als befriedigend (55,8 %) oder gut (39,5 %) einschätzen, haben mehr als 95 Prozent von ihnen für die kommenden sechs Monate eine vergleichbare oder gar schlechtere (37,2 %) Erwartungshaltung. Nur 4,7 Prozent erwarten eine Verbesserung. Zwar spricht derzeit mehr als jedes dritte Unternehmen von verhältnismäßig großen Auftragsbeständen. Dass diese aber in den kommenden sechs Monaten eher abnehmen, davon gehen 39,5 Prozent aus – das sind 25 Prozent mehr als noch im Vorjahr. Carsten Rahier, Vorsitzender des Arbeitgeberverbands Hessenmetall Nordhessen: „Vielfach können Aufträge wegen fehlender Rohstoffe oder Teile nicht abgearbeitet werden. Das war bereits im letzten Jahr ein Problem.“ Zusätzlich machten viele M+E-Unternehmen angesichts der stark gestiegenen Preise oft auch mit jedem verkauften Produkt Verlust.

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Rahier freut sich jedoch darüber, dass kein Stellenrückgang erwartet wird – und das, obwohl gerade die Produktion von einer negativen Beschäftigungsentwicklung betroffen ist. Der geschäftsführende Gesellschafter der sera Group in Immenhausen betont: „Das zeugt davon, dass die Unternehmen alles daran setzen, ihre Beschäftigten zu halten und auch weiter zu qualifizieren.“ Schwierig sieht es daher auch bei den erwarteten wertmäßigen Umsätzen aus: Fast jedes zweite Unternehmen erwartet, dass diese im nächsten halben Jahr eher fallen werden (46,5 %), im Vorjahr lag dieser Wert nur bei 14,3 %. Fast ebenso hoch ist mit 44,2 Prozent die Sorge um ein eher fallendes Ertragsniveau – 2021 lag dieser Wert deutliche 25 Prozent niedriger. Da ist es nicht verwunderlich, dass auch weniger investiert wird. Zwar stuft jeder dritte Betrieb die Höhe der Investitionen bereits jetzt als zu gering ein. Doch 34,9 Prozent erwarten, dass sie in den nächsten sechs Monaten weiter eher fallen werden – dieser Wert ist damit fast dreimal so hoch wie im Vorjahr (11,9 %). Damals war eine erhebliche Zunahme bereits laufender und geplanter Investitionen noch ein Indiz dafür, dass die Stimmung zuversichtlich und insgesamt eher positiv zu werten ist. Heute sieht das anders aus.

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Der Stimmungsanstieg, der hessenweit zu beobachten war, ist gestoppt. Das stellt Rahier fest und bilanziert das Gesamtergebnis der Umfrage: „Fast die Hälfte der Unternehmen erwartet, dass sich die Geschäftslage verschlechtern wird. Der Saldo aus positiven und negativen Antworten stürzt damit auf einen Wert von -38 ab. Dies ist der schlechteste Erwartungssaldo seit Frühjahr 2009 (damals -42).“ Angesichts dieser Zahlen und einer drohenden Rezession in Deutschland äußert sich Jürgen Kümpel, Geschäftsführer des Arbeitgeberverbands Hessenmetall Nordhessen, zwiegespalten über den jüngsten Tarifabschluss in der Metall- und Elektroindustrie. Dieser stelle viele Unternehmen vor weitere große Herausforderungen: „Arbeitgeber müssen zum Erhalt ihrer Wettbewerbsfähigkeit ihre Arbeitskosten im Blick haben – und sie angesichts schwächerer Umsatzzahlen vielleicht sogar reduzieren. Deshalb ist zu befürchten, dass Unternehmen gezwungen sein könnten, Maßnahmen zur Personalkostenreduzierung zu ergreifen“. In jedem Fall trage dieser Abschluss nicht zu einer weiteren Tarifbindung der Unternehmen bei, so Kümpel.

Umfrageergebnisse für Nordhessen im Detail

Schwerpunkt der Investitionen: Mit 35,5 Prozent (Vorjahr 30,1 %) liegt der Schwerpunkt bei Ersatzinvestitionen. Der größte Zuwachs wird in den nächsten sechs Monaten bei Umweltschutzinvestitionen erwartet (von 4,2 % im Vorjahr auf 11,6 %).

Auslandsinvestitionen: Der Anteil der Auslandsinvestitionen hat sich im Vergleich zum Vorjahr mehr als verdoppelt und liegt bei 11,4 Prozent (4,5 %). Asien verliert beim Anteil der Auslandsinvestitionen (von 10,8 % auf 6,1 %) – aber auch im Euroraum (von 75,7 % auf 61,2 %). Die größte Steigerung gibt es in Nordamerika (von 5,4 % auf 16,3 %).

Exportanteil: Der Exportanteil ist mit 37,7 Prozent leicht höher als im Vorjahr (36,4 %). Rückgänge verzeichnen lediglich Asien (von 19,3 % auf 14,6 %) und Südamerika (von 4,8 % auf 2,4 %).

Wertmäßige Exporte: Zwei von drei Unternehmen gehen davon aus, dass die wertmäßigen Exporte in den kommenden sechs Monaten eher gleichbleiben – und immerhin 64,3 % betrachten sie derzeit als ausreichend. Mit 23,8 Prozent geben aber fast doppelt so viele Unternehmen wie im Vorjahr (12,2 %) die Erwartung an, dass sie eher fallen werden.

Anzahl der Beschäftigten: Die teilnehmenden Unternehmen erwarten in den nächsten sechs Monaten keinen Stellenrückgang, der Wert bleibt nahezu gleich zu der Zahl der Beschäftigten im Moment. Allerdings wird bei Zeitarbeitsnehmern ein Rückgang von 16,4 Prozent von 464 auf 388 geplant.

Betriebliche Bereiche mit negativer Beschäftigungsentwicklung: Schwierig ist es derzeit vor allem in der Produktion. Der angegebene Wert liegt mit 60 Prozent derzeit bereits deutlich höher als im Vorjahr (41,4 %). Auch für das nächste halbe Jahr ist die Produktion das größte Sorgenkind und in den Erwartungen mit 57,4 % am stärksten von einer negativen Beschäftigungsentwicklung betroffen (Vorjahr: 42,3 %).

Hintergrund

Die Herbstumfrage wird jeweils im vierten Quartal bei den Verbandsmitgliedern durchgeführt. Beteiligt hatten sich in diesem Jahr 43 der 159 Mitgliedsunternehmen im Arbeitgeberverband Hessenmetall Nordhessen. Die sich an der Umfrage beteiligten Mitglieder repräsentieren 42 Prozent aller in Unternehmen Beschäftigten (ca. 11.000 von rund 25.000). (od)

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