Das Taxi in Zeiten von Corona

Taxifahrer Hand-Jürgen Most von Taxi Marggraf . Foto: Peter Fritschi

Von Peter Fritschi. Für die 23.000 Taxibetriebe in Deutschland mit Ihren 50 000 Taxen und mehr als 200 000 Mitarbeitern und deren Familienangehörigen sind harte Zeiten angebrochen.
Umsatzeinbußen durch Corona
Die Taxibranche sieht sich mit erheblichen Umsatzeinbußen von derzeit bis zu 40 Prozent und mehr konfrontiert. Das bestätigt auch der Taxifahrer Hans-Jürgen Most aus Bad-Wildungen-Wega der in den Diensten der Firma Marggraf steht. Die Taxibetriebe leben hauptsächlich von den Gelegenheitsverkehren. z.B. Flughafen – und Bahntransfers, Fahrten zu Großveranstaltungen, Einkaufstouren und in vielen Gegenden auch vom Tourismus. Viele dieser Fahrten sind schon weggebrochen, aufgrund der zahlreichen Schließungen von Einkaufszentren, Hotels, Restaurants, Campingplätzen, Einstellung der Flugverkehre usw. In ländlichen Regionen sind im Wesentlichen die Patiententransporte Haupteinnahmequelle der Unternehmen. Dort wirkt sich die rückläufige Nachfrage und die damit verbundenen Umsatzverluste noch nicht so stark aus. Von Betrieben, die von der Insolvenz bedroht sind, hat die ARD MdR und ARD SWR kürzlich in Beiträgen aus Leipzig und Stuttgart ausführlich berichtet. Die Gewerbevertreter der Taxibranche wollen mit konkreten Vorschlägen entgegenwirken.

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Michael Müller, Präsident des Bundesverbandes Taxi und Mietwagen e. V. (BTM), stellt einen dreistufigen Maßnahmenkatalog vor. „Wir schlagen vor, dass Inhaber von Monats- oder Jahreskarten für den ÖPNV zum halben Preis Taxi fahren können“, sagte BTM-Präsident Michael Müller. „Durch einen staatlichen Zuschuss in Höhe von 50 % für Taxifahrten würde der ÖPNV als möglicher „Übertragungsweg“ entlastet, die Gesundheit der Bevölkerung geschützt und gleichzeitig die wirtschaftliche Lage der Taxiunternehmen gestärkt. . Diese Maßnahme wäre geeignet, um die Infektionswelle entsprechend der Zielsetzungen der Bundesregierung zu verlangsamen. Als zweiter Schritt sollten Sozialbeiträge, deren Meldung ansonsten zum 25. März fällig wäre, suspendiert werden können. „Bei vielen Unternehmen würde diese Abführung in der aktuellen Lage direkt in einer Insolvenz enden. Dies gilt es sehr kurzfristig zu verhindern“, erläuterte Müller. Als dritte Stufe fordert der Verband ähnlich wie bereits gestern der Vorsitzende der Frankfurter Taxivereinigung bis zum Ende der Krise eine Liquiditätsbeihilfe in Höhe von monatlich 1.500 Euro pro Taxi, beginnend noch im März. Diese Zahlungen sollten auf begründeten Antrag erfolgen und seien als unbürokratische Unterstützungen geeignet, um Insolvenzen zu verhindern. Für Taxis besteht eine Betriebspflicht in Deutschland.

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Der nordhessische Taxi und Mietwagen-Unternehmer Jens Marggraf nimmt die Herausforderung durch Corona an und möchte sich mit einer sicherheitsrelevanten Idee am Markt neu positionieren. Über die prekäre Situation für die Betriebe in Nordhessen sprachen wir mit dem Unternehmer, Jens Marggraf aus Melsungen. Das gleichnamige Unternehmen ist mit 80 Fahrzeugen, 160 Mitarbeitern und mehreren Standorten in der Region vertreten.

Jens Marggraf einfügen. Foto: Peter Fritschi

Herr Marggraf: Sie sind nach meiner Kenntnis einer der größeren Dienstleister im Taxigewerbe in Nordhessen. Wie viele Fahrzeuge haben Sie im Einsatz und wieviel Fahrer sind bei Ihnen hauptberuflich beschäftigt?
Wir setzen an vier Standorten 80 Fahrzeuge ein. Die Fahrzeuge gliedern sich auf, in Kleinbusse für Schülerverkehre, Behindertenbeförderung und Liegendfahrten. Vom klassischen Taxi über Oberklassefahrzeuge für den Chauffeurdienst und einem besonders in dieser Zeit interessanten London Taxi der aktuellen Generation. Von 160 Mitarbeitern sind ca. 100 Personen sozialversicherungspflichtig beschäftigt.

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Die Coronakrise hat für viele Menschen einschneidende Veränderungen gebracht. Wie hat sich die Krise bisher in Ihrem Unternehmen ausgewirkt?
Die Coronakrise hat bei mir und meinem Team neues Bewusstsein entwickelt. Wir werden gefordert unsere Komfortzone zu verlassen. Vor der Krise hat unser Unternehmen immer nur Wachstum erfahren dürfen. Heute können wir die Situation zum Anlass nehmen, wieder auf die wesentliche Dinge im Leben zu schauen. Die Menschen stehen im Vordergrund, mit Themen wie Angst, Disziplin und Zuverlässigkeit, um einige zu nennen. Wir rücken wieder mehr zusammen. Es gibt tiefgreifende Gespräche sowohl mit unserem Team als auch mit unseren Kunden. Die Krise nimmt die tägliche Hektik. Wir haben Zeit nachzudenken, wie wir unser Unternehmen für die Zukunft ausrichten werden. Dieses Thema gab es natürlich auch schon vor der Krise, jedoch steigt es auf der Prioritätenliste ganz weit nach oben.
Die meisten Chauffeure sind in Kurzarbeit gegangen. Insbesondere unsere Risikomitarbeiter. Unsere Aushilfskräfte sind bis auf ein Minimum reduziert worden. Ein Großteil unseres Umsatzes macht Pause, derzeit ca. 70%. Wir nutzen die außergewöhnliche Zeit, um in unserer firmeneigenen Werkstatt, die Fahrzeuge außerplanmäßigen Kontrollen zu unterziehen. Der Fuhrpark durchläuft einen besonderen Wartungs- und Pflegeprozess.

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Michael Müller, Präsident des Bundesverbands Taxi und Mietwagen rechnet mit 40% Umsatzeinbußen für das Gewerbe. Insolvenzen will die Taxibranche mit einem 3 Stufen-Plan verhindern. Stufe 1 Durch einen staatlichen Zuschuss von 50% solle es Inhaber von Monats und Jahreskarten des ÖPNV gestattet sein ein Taxi zu benutzen um die Übertragungswege zu minimieren. Ist das Ihrer Meinung nach der richtige Denkansatz?
Sicherlich würde dieser Impuls dem Gewerbe guttun. Zumal wir derzeit im ländlichen ÖPNV vielfach Einzelbeförderungen oder komplett leere Linienbusse sehen können. Wir könnten die Krise nutzen um in die Zukunft zu schauen. Auf längere Sicht sehe ich eher Kleinbusse auf den ländlichen Linien, welche fahrplanlos zum Einsatz kommen könnten. Ein Pilotprojekt zum fahrplanlosen ÖPNV testen wir gerade mit Erfolg in Melsungen. Eine Möglichkeit könnte es sein, die Buslinien in AST Verkehre umzuwandeln. Diese Verkehre könnten vom Taxigewerbe durchgeführt und über die nordhessische AST Zentrale koordiniert werden. Diese Umstrukturierung würde auch dem Mangel an Busfahrern zu Gute kommen, da der Personenbeförderungsschein für unsere kleineren Einheiten einfacher zu erwerben ist. Meine Vermutung ist, dass viele Taxi- und Mietwagenbetriebe größere Umsatzeinbußen als 40% hin nehmen müssen.

Die Bundes-und Länderregierungen haben mit Ihren aufgestellten Regeln beim Kontakt mit anderen Menschen einen Mindesabstand von 1,50 m bis 2 m eingefordert. Viele Dienstleister im Einzelhandel, bei Post, Bahn und Busunternehmen und allgemein in der öffentlichen Verwaltung kommen diesem Aufruf nach. Wie setzen Sie diese Forderung in Ihrem Betrieb um? In einem Taxi ist das doch schwer vorstellbar?
Unser Fahrpersonal hat die Anweisung nur noch im Fond Fahrgäste einsteigen zu lassen. Hierbei haben wir die größtmögliche Distanz zum Kunden. Bei unseren Kleinbussen ist der Mindestabstand am einfachsten sicherzustellen. Also, soweit das möglich ist, Abstand halten zum Fahrgast.
Mein Sohn Moritz, welcher unsere Werkstatt leitet, hat mit Originalteilen des Fahrzeugherstellers eine 2mm starke Schutzfolie zwischen unserem Chauffeur und dem Fond installiert. Die ersten 8 Fahrzeuge sind seit diesem Wochenende umgerüstet. An den anderen Fahrzeugmodellen arbeiten wir mit Hochdruck und werden auch dafür eine Lösung herbeiführen.

Foto: Peter Fritschi

In Melsungen haben wir den Luxus ein echtes London Cab im Einsatz zu haben. Sicherlich ist Ihnen die Besonderheit dieses Fahrzeuges bekannt. Nicht nur, dass es einen elektrischen Antrieb hat, es verfügt auch über eine feste Trennscheibe zum Fahrgastraum. Mit einer Gegensprechanlage kann unser Chauffeur besser als im normalen Taxi mit unserer Kundschaft in Kommunikation treten. Gerade Menschen mit Einschränkungen ihres Gehörs, lieben die Sprechanlage. Natürlich steht zum heutigen Thema die abgeschlossene Fahrgastzelle im Vordergrund.

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Wie schützen Sie Ihr Fahrpersonal vor ungewollten Infektionen?

Der größte Schutz ist den Menschen die Angst zu nehmen. Angst macht manipulierbar, Angst macht krank! Menschen, welche Angst haben, besitzen oft ein geschwächtes Immunsystem. Deshalb ist es von großer Bedeutung, wie die Medien mit dem Thema Angst umgehen. Ein gestärktes Immunsystem ist besser als jeder Mundschutz!
Die Infektion ist nur über die Schleimhaut übertragbar, hier ist standardisiertes Verhalten gefragt. Wir vermeiden es mit den Händen das Gesicht zu berühren. Setzen Einmalhandschuhe und Desinfektionsmittel ein. Ein hundertprozentiger Schutz ist nicht möglich.

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Das Taxi ist Bestandteil der öffentlichen Personenbeförderung mit allen Vor und Nachteilen. Sie haben die Tarifpflicht, die Bereitstellungspflicht, die Beförderungspflicht und im Gegenzug haben sie eine Art Gebietsschutz mit beschränkter Konzessionsfreigabe durch die Behörde. D.h sie müssen auf die Straße und Ihr Personal wird dem Infektionsrisiko in hohem Maße ausgesetzt. Wie lässt sich das vereinbaren?
Alle unsere auf der Straße befindlichen Chauffeure sind freiwillig im Dienst. Jeder Chauffeur ist in der Eigenverantwortung. Sollte die Angst zu groß werden, kann er jederzeit das Fahrzeug abstellen.
Wir befördern seit Jahrzehnten Menschen zur Dialyse, Chemo- und Strahlenbehandlung, welche ohne unsere Mobilität ihre Behandlung nicht wahrnehmen könnten. Da haben sich sehr enge Beziehungen aufgebaut. Diese Menschen werden wir nicht stehen lassen, unabhängig von der rechtlichen Situation. Es sei denn, es würde alternative Formen wie Rettungsdienste als Ersatz geben. Des Weiteren fahren wir im 24 h Einsatz die Corona Proben in die Labore. Des Weiteren befördern wir mobilitätseingeschränkte Menschen in Rollstühlen, Tragestühlen und Fahrtragen. Hier geht es nicht ohne körperliche Nähe. Die Chauffeure sind sich der Situation bewusst und schützen sich so gut es irgendwie möglich ist.
Das ist meine Erklärung für die Vereinbarkeit: Jeder Chauffeur, egal in welchem Unternehmen, entscheidet für sich selbst, ob er weiter im Einsatz ist oder nicht.

Wie reagieren ihr Fahrpersonal und vor allem die Fahrgäste auf die Problemlage?
Einige aus unserem Team haben große Ängste, besonders die Riskomitarbeiter mit Vorerkrankungen. Die Kollegen sind sensibler geworden und achten sehr stark auf Hygiene Maßnahmen. Jedoch geht jeder anders mit der Situation um.
Ich bin riesig stolz auf mein Team. Am Anfang dachte ich, dass die meisten Kollegen hinschmeißen und wir das Unternehmen solange zu machen. Viele Kollegen haben den Fokus auf die Menschen, die uns in irgendeiner Art und Weise unbedingt brauchen. Das ist wirklich ein schöner sichtbarer Effekt der Krise. Vor der Krise war es Standard.
Die Meinungen der Fahrgäste ist ähnlich unterschiedlich wie die unseres Personals. Bei einigen wenigen entsteht der Eindruck, dass sie die Situation überhaupt nicht ernst nehmen. Andere freuen sich sehr über das anhaltende Angebot unserer Dienstleistungen. Besonders die Menschen, welche dringend auf uns angewiesen sind, zeigen große Dankbarkeit. Manchmal ist kein Verständnis für etwas längere Wartezeiten zu den nachfragestarken Zeiten vorhanden. Es sind halt nur noch wenige Fahrzeuge im Einsatz! Auch der kostenlose Einkaufsservice hat uns viele positive Stimmen beschert.
Und eine letzte, persönliche Frage, was ist Ihre Einschätzung, wie lange müssen wir mit diesen Einschränkungen leben und wann hat diese Epidemie ihren Zenit erreicht?
Es ist nicht diese eine Epidemie, es sind genau so viele Epidemien wie wir Menschen sind. Jeder Mensch empfindet diese Epidemie für sich ganz persönlich. Es gibt Menschen die sich über die Krise freuen, weil sie vielleicht mehr wirtschaftlichen Erfolg haben. Andere wiederum müssen wegen Corona sterben. Sie sehen, dass ich Ihnen viele unterschiedliche Beispiele bringen könnte.
Jeder von uns hat seine ganz persönliche Krise. Ich kann ihnen nicht sagen, wann der Spuk vorbei ist, jedoch wünsche ich mir, dass wir mehr Bewusstsein während der Situation erlernen. Ich schaue auf die Dinge die mich durch die Krise weiter bringen und damit meine ich nicht den wirtschaftlichen Erfolg, sondern den mentalen Erfolg. Ich wünsche mir ein Zusammenwachsen des Gewerbes, um uns in der Öffentlichkeit ein neues Gesicht zu geben. Das Taxi auf eine neue Bewusstseinsstufe zu stellen. Der Bevölkerung zu zeigen, wie wertvoll wir für die vielen Menschen sind, welche wir in guten, schwierigen und fröhlichen Zeiten durch die Gegend fahren. Durch das neue Gesicht und unserer lauteren Stimme können wir den Krankenkassen zeigen, dass sie uns nicht mehr bei Preisverhandlungen in die Knie zwingen können. Das Gewerbe benötigt dringend Zusammenhalt.
Wir sind seit einiger Zeit daran unsere Unternehmenskultur zu verändern und bieten unserem Team in Zukunft Möglichkeiten an, sich durch Sportkurse und Yogastunden körperlich fit zu halten. Die Räumlichkeiten werden in der nächsten Zeit fertig gestellt sein.
In eigener Sache werde ich meine Ausbildung zum Personal Coach und Wirtschaftsmediator nutzen, um unseren Kunden in Melsungen ein besonderes Angebot zu unterbreiten. Nach terminlicher Absprache biete ich mit unserem London Cab Menschen die Chance ihr Haus zu verlassen und mich als Zuhörer oder Impulsgeber während einer 20 minütigen Fahrt zu begleiten. Ich denke hierbei besonderes an Menschen, die mit der Krise mental überfordert sind und mir ihr Vertrauen schenken möchten, einfach mal ihr Herz auszuschütten. Unter dem Motto „Menschen für Menschen“ oder nennen sie es „Seelen Chauffeur“. Den Dienst biete ich kostenlos an. Sollte sich im Kontakt mit meinen Fahrgästen herausstellen, dass weitere Hilfe benötigt wird, verfüge ich über ein Netzwerk von erfahrenen Coaches die uns unterstützen. Auch online!

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