Nur fünf neue Auszubildende im hessischen Gemüsebau
Kassel. Mit dem Beginn des neuen Ausbildungsjahres 2026/27 startet für viele junge Menschen in Hessen ein neuer Lebensabschnitt. Trotz vielfältiger Perspektiven und engagierter Ausbildungsbetriebe im Bereich der Grünen Berufe steht der Gartenbau, insbesondere die Fachrichtung Gemüsebau, vor einer Herausforderung: Die Zahl der Auszubildenden ist rückläufig, während der Bedarf an qualifizierten Fachkräften weiter steigt. Umso wichtiger ist das Engagement der Betriebe, die weiterhin ausbilden und Menschen den Einstieg in einen vielseitigen und zukunftssicheren Beruf ermöglichen. Anlässlich des Ausbildungsstarts besuchten die kommissarische Direktorin des Landesbetriebs Landwirtschaft Hessen (LLH), Katrin Walmanns, und der Vizepräsident des Gartenbauverbands Baden-Württemberg-Hessen e. V. (GVBWH), Stefan Emert, den Gartenbaubetrieb Naturkost Blattlaus in Leun-Bissenberg. Gemeinsam mit dem Betrieb stellten Walmanns und Emert die Bedeutung einer qualifizierten Berufsausbildung für die Zukunft des Gemüsebaus in den Mittelpunkt. „Gut ausgebildete Fachkräfte sind die Grundlage für eine leistungsfähige und zukunftsorientierte Gartenbaubranche. Gleichzeitig beobachten wir einen Rückgang der Ausbildungszahlen im Gemüsebau. Deshalb ist es entscheidend, interessierte Menschen stärker für die Berufsperspektiven im Gemüsebau zu begeistern und Ausbildungsbetriebe gezielt zu unterstützen”, betonte Katrin Walmanns, kommissarische Direktorin des LLH.
Ausbildungszahlen im Gemüseanbau deutlich gesunken
Der Blick auf die aktuellen Ausbildungszahlen macht deutlich, wie groß der Handlungsbedarf ist. Zwar wurden für das Ausbildungsjahr 2026 bislang 229 neue Ausbildungsverträge im Beruf Gärtnerin bzw. Gärtner in Hessen eingetragen – auf die Fachrichtung Gemüsebau entfallen davon jedoch lediglich fünf (Stand: 31.07.2026). Im vergangenen Jahr waren es noch 11, in 2020 sogar 13. Damit ist die Zahl der Neuverträge seit 2020 um 62 Prozent zurückgegangen. Im Ausbildungsberuf Gartenbauhelferin bzw. Gartenbauhelfer wurden bislang acht neue Ausbildungsverträge registriert, keiner davon im Gemüsebau. Auch die Abschlussprüfungen verdeutlichen die Entwicklung: Von insgesamt 255 angehenden Gärtnerinnen und Gärtnern legen in diesem Jahr lediglich 15 ihre Prüfung in der Fachrichtung Gemüsebau ab, darunter acht aus der biologisch-dynamischen Ausbildung. Im Ausbildungsberuf Gartenbauhelferin bzw. Gartenbauhelfer gibt es in der Fachrichtung Gemüsebau in diesem Jahr keine Abschlussprüfung. „Die Zahl der Auszubildenden in der Fachrichtung Gemüsebau reicht seit Jahren nicht aus, um den tatsächlichen Bedarf der hessischen Gemüsebaubranche zu decken. Rechnerisch werden 20 bis 30 ausgebildete Gemüsegärtnerinnen und -gärtner pro Ausbildungsjahrgang zur Sicherung des hessischen Gemüsebaus benötigt“, so Christian Heinemann, Fachgebietsleiter der Zuständigen Stelle für Berufsbildung im LLH. Er verdeutlicht: „Die anhaltend niedrigen Ausbildungszahlen machen es zunehmend schwieriger, die notwendige Ausbildungsinfrastruktur aufrechtzuerhalten.“ Die rückläufigen Ausbildungszahlen haben verschiedene Ursachen. Der Gemüsebau ist als Ausbildungsberuf bei vielen jungen Menschen noch zu wenig bekannt und steht im Wettbewerb mit rund 330 weiteren Ausbildungsberufen. Gleichzeitig erschweren geringe Ausbildungszahlen eine spezialisierte Beschulung, da Auszubildende im Gemüsebau häufig gemeinsam mit Auszubildenden anderer Fachrichtungen gemeinsam in einer Berufsschulklasse unterrichtet werden. Ein fachrichtungsspezifisches Lernen ist daher nur eingeschränkt möglich. Dies stellt auch die ausbildenden Betriebe vor besondere Herausforderungen.
Ausbildung schafft Perspektiven
Gut ausgebildete Fachkräfte sind hingegen entscheidend für die Zukunft des hessischen Gemüsebaus. Sie sichern die regionale Lebensmittelversorgung, stärken die Betriebe im ländlichen Raum und schaffen die Voraussetzung dafür, dass auch künftig neue Generationen von Fachkräften ausgebildet werden können. Nur ausgebildete Fachkräfte können über eine Fortbildung zur Gärtnermeisterin bzw. zum Gärtnermeister in Zukunft auch Nachwuchs ausbilden. Umso wichtiger sind Betriebe, die Verantwortung übernehmen und Menschen eine Perspektive im Gemüsebau eröffnen. Ein Beispiel dafür ist der mittelhessische Gemüsebaubetrieb Naturkost Blattlaus. Dieser ist seit 1997 als Ausbildungsbetrieb durch den LLH anerkannt und engagiert sich darüber hinaus für Chancengleichheit und Inklusion. Mit dem Start von Inha Butorin, die ihre Ausbildung zur Gärtnerin im Garten- und Gemüsebau beginnt, setzt der Betrieb auch in diesem Jahr bewusst auf die Förderung des eigenen Fachkräftenachwuchses. „Ausbildung ist für uns eine Investition in die Zukunft unseres Betriebs und unserer Branche. Jeder Mensch, der eine Ausbildung beginnt, bringt eigene neue Ideen und Motivationen mit. Gleichzeitig ist es unsere Aufgabe, ihnen das notwendige fachliche Wissen und praktische Können zu vermitteln”, erklärte Betriebsleiter Dr. Milan Weber.

Ausbildung gemeinsam gestalten
Der LLH begleitet Betriebe und Auszubildende während der gesamten Ausbildungszeit. Dazu gehören unter anderem die Beratung von Betrieben, die Unterstützung bei Fragen rund um die Berufsausbildung sowie die Sicherung einer hohen Ausbildungsqualität. Gemeinsam mit den berufsständischen Verbänden (GVBWH, HBV und VÖL) entwickelt der LLH zudem Angebote wie einen „digitalen Werkzeugkasten für die Ausbildung in der Fachrichtung Gemüsebau“, um Betriebe gezielt bei der Vermittlung von Ausbildungsinhalten zu unterstützen. Darüber hinaus setzt sich der LLH dafür ein, die Ausbildungsinfrastruktur zu sichern – beispielsweise durch die Bündelung regionaler Prüfungsausschüsse zu einem gemeinsamen hessischen Prüfungsausschuss für die Fachrichtung Gemüsebau und durch die Erweiterung von Ausbildungsmöglichkeiten für landwirtschaftliche Betriebe mit Gemüsebau. „Eine erfolgreiche Ausbildung gelingt nur im Zusammenspiel aller Beteiligten. Ausbildungsbetriebe, Berufsschulen und der LLH tragen gemeinsam dazu bei, jungen Menschen eine fundierte berufliche Perspektive zu eröffnen und die Fachkräftebasis für die Zukunft zu sichern“, hebt Katrin Walmanns abschließend hervor. Der Gartenbau bietet jungen Menschen vielfältige berufliche Perspektiven – von der praktischen Arbeit in Gartenbaubetrieben bis hin zu Weiterbildungen zur Meisterin bzw. zum Meister, Technikerabschlüssen oder einem Studium. Mit dem Ausbildungsstart setzt Naturkost Blattlaus gemeinsam mit dem LLH ein Zeichen für die Zukunft des hessischen Gemüsebaus: Nachwuchsförderung und qualifizierte Ausbildung sind entscheidende Bausteine für eine leistungsfähige, nachhaltige und innovative Branche und liefern einen wichtigen Beitrag zur Ernährungssicherung.

