Gross-Benberg: In Haina sieht man was wichtig für die Patienten ist
Haina(Mark Adel). Die Psychologin Antje Gross-Benberg gehört zu den renommiertesten Forensikerinnen Norwegens. In Trondheim leitet sie die forensische Einrichtung des St. Olavs-Hospitals. Nun besucht sie fünf Tage lang die Vitos Klinik für forensische Psychiatrie (KFP) Haina. Welche Anregungen nimmt sie mit in die Heimat, was unterscheiden den Maßregelvollzug in Deutschland und Norwegen – und welche Folgen hatte das Attentat von Anders Breivik auf Justiz und Medizin in Norwegen? Es war ein Amoklauf, der das Land veränderte: Am 22. November 2011 tötete Anders Breivik bei zwei Attentaten 77 Menschen. Vor Gericht wurde er für voll schuldfähig befunden und sitzt somit in einem herkömmlichen Gefängnis. Der Fall machte dennoch klar: Norwegen braucht Einrichtungen, um auch psychisch kranke Straftäter sicher unterzubringen. Antje Gross-Benberg befasst sich direkt mit der Umsetzung politischer und juristischer Vorgaben. „Das ist ein Grund, weshalb für mich der Besuch in Haina interessant ist“, sagt sie. Denn in Deutschland können Patienten, die einen erhöhten Sicherungsbedarf haben, seit Jahrzehnten adäquat betreut und auch behandelt werden. Dass sich leitende Forensiker unterschiedlicher Länder untereinander austauschen, ist nicht neu. „Wir sind eine eher kleine Gruppe“, sagt Dr. Sven Krimmer, Ärztlicher Direktor der Hainaer KFP. „Die Patienten, die Krankheitsbilder und der Therapieansatz sind im Prinzip gleich.“ Regelmäßig treffen sich Forensiker auf internationalen Tagungen.
Expertin in der größten Psychiatrie Norwegens
Dabei lernten sich auch Antje Gross-Benberg und Dr. Sven Krimmer kennen. „Ich habe sie auf Englisch angesprochen, sie antwortete auf Deutsch“, erinnert sich der Hainaer Klinikleiter. Antje Gross-Benberg stammt aus Sachsen, studierte in Leipzig und Berlin, ging dann aber vor mehr als 20 Jahren mit ihrem Mann in dessen Heimatland Norwegen. Erst dort entdeckte sie ihre Leidenschaft für die forensische Psychiatrie, in Deutschland hatte sie sich vor allem mit Sportpsychologie und Essstörungen befasst. Am St. Olavs-Hospital in Trondheim war sie am Aufbau des Sicherheitsgebäudes beteiligt, das 2022 in London zum besten psychiatrischen Gebäude Europas gekürt wurde. In Norwegen gilt der Bau als Pionierprojekt. Die Psychiatrie, zu der die Sicherheitsabteilung gehört, ist die größte Norwegens. Seit fünf Jahren ist Gross-Benberg an der Trondheimer Klinik die Leiterin der forensischen Abteilung, die in Norwegen ‚Rechtspsychiatrie‘ heißt. Der Trakt verfügt über 23 Betten, muss aber erweitert werden. „Es kommen immer mehr Menschen, die psychisch krank sind“, sagt Gross-Benberg. Viele kämen erst spät in Behandlung, das sei ein Problem. „Je länger man eine Psychose hat, desto schwieriger ist die Behandlung.“
Der Amoklauf von Andes Breivik habe einen Einschnitt bedeutet, sagt die Expertin. „Man war nicht darauf vorbereitet, vor allem nicht auf diesen Umfang einer Tat. Besonders hat es das allgemeine Sicherheitsgefühl verletzt, dass fast ausschließlich Kinder unter den Opfern waren.“ In Folge der Anschläge wurde in Norwegen auch die Nationale Einheit für forensische Sachverständigkeit gegründet, Antje Gross-Benberg leitet auch dieses Gremium. Es ist ihr erster Besuch im Kellerwald, die Vitos Klinik für forensische Psychiatrie Haina war ihr gleichwohl schon vorher ein Begriff: „Haina und unser Krankenhaus arbeiten schon lange zusammen.“ Kontakte entstanden schon in den 1980er-Jahren, als Rüdiger Müller-Isberner die Klinik in Haina leitete. Antje Gross-Benberg hatte schon länger den Plan, sich hier zu informieren. „Es ist eine Psychiatrie irgendwo am Rand der Welt, das hat Haina mit vielen Psychiatrien gemein. Es ist ein bisschen wie eine Insel.“ Unterschiede zwischen forensischen Kliniken in Norwegen und Deutschland Größenvergleiche zwischen den Kliniken sind allerdings schwierig. Norwegen hat mit 5,5
Millionen Menschen weniger Einwohner als Hessen (6,4 Millionen). Die Zuständigkeiten forensischer Kliniken sind in Norwegen in vier Landesbereiche unterteilt, Gross-Benberg verantwortet einen davon. Insgesamt sei der Maßregelvollzug in Norwegen deutlich kleiner. Behandelt werden nur Patienten mit Psychosen, die schwerwiegende Delikte begangen haben und ein Gewaltpotential aufweisen. Wer an Sucherkrankungen oder Persönlichkeitsstörungen leidet, eine Straftat begeht und verurteilt wird, kommt in Norwegen nicht in die Psychiatrie, sondern gilt als schuldfähig.
In der Vitos Klinik für forensische Psychiatrie Haina hat Antje Gross-Benberg Gemeinsamkeiten mit dem ihr vertrauten Gebäude in Trondheim entdeckt: Etwa die hellen Räume mit hohen Decken und die großen Fensterfronten, die für Lichtdurchflutung sorgen. Das hänge auch damit zusammen, dass Ärzte aus Haina das Sicherheitsgebäude in Trondheim schon kannten, bevor mit der Planung des Ersatzneubaus am Rand des historischen Klostergeländes begonnen wurde, sagt Sven Krimmer: „Wir haben uns durchaus inspirieren lassen.“ Die Therapien seien ebenso vergleichbar, es gibt am St. Olavs-Hospital unter anderem Werkstätten, einen Garten, Sportangebote, die Menschen mit Psychosen eine Struktur im Alltag geben sollen. Die Unterschiede liegen im Detail: In Norwegen würden Patientinnen und Patienten während der gesamten Therapiephase vom gleichen Team behandelt, erklärt die Psychologin. In den Vitos Kliniken für forensische Psychiatrie wechseln sie: Von der Aufnahmestation durch die verschiedenen Therapieabschnitte bis hin zum Entlassbereich.
Gerade jener letzte Abschnitt, in dem Patientinnen und Patienten zum Beispiel in Wohngruppen auf ein selbständiges Leben mit sozialen Kontakten vorbereitet werden, unterscheide Haina aber von Trondheim. Dort sei dieser Teil der Behandlung abgeschafft worden, soll aber wieder eingeführt werden. „Die ganze Linie finde ich gut: Von der Aufnahme bis zur Eingliederung in die Gesellschaft zurück in einer gesicherten Struktur, wie das hier gemacht wird“, sagt die Wahl-Norwegerin. Und noch etwas ist ihr aufgefallen: „Die Bindung zwischen Therapeuten und Patienten ist eng. Es geht immer darum, eine tragbare Beziehung zu haben.“ Dabei habe sie kompetentes und engagiertes Personal kennengelernt. „Ihr seht in Haina sehr gut, was wichtig ist für die Patienten und ihr arbeitet proaktiv.“





