Vitos Fachtagung: KI und digitale Anwendungen im Maßregelvollzug

145 Fachleute beim Symposium Forensik in Gießen

Kassel / Gießen(pm). Von der VR-Brille zur Behandlung von Suchterkrankungen über digitale Drogenscanner bis hin zu Einblicken in die Forschung: Beim Vitos Symposium Forensik in der Kongresshalle Gießen haben sich 145 Fachleute über KI und digitale Anwendungen im Maßregelvollzug informiert. Dabei zeigte sich, wo die Technik bereits jetzt wertvolle Unterstützung bietet – und wo Potenziale, aber auch Risiken des Einsatzes KI-gestützter Anwendungen liegen. Der Gang durch den Getränkemarkt kann für Suchtkranke zum Spießrutenlauf werden: Das Suchtmittel Alkohol ist dort leicht verfügbar. Die Vitos Klinik für forensische Psychiatrie Bad Emstal will ihre Patienten darauf vorbereiten, dem Griff nach der Flasche zu widerstehen. Sie setzt dabei auf neue, digitale Technik: Vor kurzem hat die Klinik zwei VR-Brillen angeschafft. Damit kann der Supermarktbesuch simuliert werden – realitätsnah und therapeutisch begleitet. Auf dem Symposium Forensik konnten die Teilnehmenden der Fachtagung nun selbst testen, wie sich diese Form der digital gestützten Behandlung, das so genannte Expositionstraining, anfühlt. Ebenfalls neu: Ein digitaler Drogenscanner. Die Vitos Klinik für forensische Psychiatrie Hadamar setzt das kleine mobile Gerät ein, um zu verhindern, dass Drogen eingeschmuggelt werden können. Das Gerät reagiert sensibel auf kleinste Rückstände illegaler Substanzen. „Das ist eine große Entlastung für unsere Mitarbeitenden und hilft uns sehr, die Sicherheit für unsere Patientinnen und Patienten zu verbessern“, sagt die Ärztliche Direktorin Sandra Manegold.

Sandra Manegold, Ärztliche Direktorin der Vitos Klinik für forensische Psychiatrie Hadamar, erklärt Reinhard Belling, Vorsitzender der Vitos Konzerngeschäftsführung, wie der digitale Drogenscanner funktioniert. Foto: Vitos/ Dennis Möbus

Die Behandlung verbessern und gleichzeitig das Personal entlasten: Genau diese Hoffnung verknüpft Vitos mit dem Einsatz digital gestützter Anwendungen im Maßregelvollzug. „Wir sehen seit Jahren einen kontinuierlichen Anstieg der Belegung in unseren forensischen Kliniken“, erklärt dazu Reinhard Belling, Vorsitzender der Vitos Konzerngeschäftsführung. Aktuell behandelt Vitos in seinen sechs forensischen Kliniken in Hessen rund 960 psychisch kranke oder suchtkranke Rechtsbrecher. Das sind 300 Patientinnen und Patienten mehr als noch vor zehn Jahren. „Wir sollten die Chancen nutzen, die uns KI-basierte Prozesse bieten, etwa zur Entlastung unseres Personals bei der Dokumentation oder für datenbasierte, individuell zugeschnittene Therapieangebote. Es gibt hier bereits vielversprechende Ansätze“, so Belling.

Um diese Ansätze ging es in den Fachvorträgen: Dr. Johannes Kirchebner (Universitätsmedizin Zürich) stellte vor, wie sich Machine Learning (ML) im Maßregelvollzug einsetzen ließe. Er forscht zu einem datengestützten Modell, das dabei unterstützen soll, schwierige Behandlungsverläufe bei Patienten im Maßregelvollzug vorherzusagen. Prof. Dr. Markus Langer, Leiter der Abteilung Arbeits- und Organisationspsychologie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, zeigte auf, dass die Technologie zwar Risiken mit sich bringe, gerade bei automatisierten Arbeitsabläufen auch große Entlastung bedeuten kann. Und Oliver Werthwein vom FZI Forschungszentrum Karlsruhe stellte die Forschung zu einem Frühwarnsystem vor, mit dem im Strafvollzug kritische Situationen, also Gewalt unter Häftlingen oder Suizidversuche, dank KI-Unterstützung schneller erkannt werden könnten.