Wie kommen Rebhühner und Feldhasen mit Schnee und Kälte klar?

Kassel(pm). Nachdem die vergangenen Winter durch überwiegend milde Witterung und nur wenige Tage mit Frost oder Schnee gekennzeichnet waren, herrscht in Nordhessen aktuell seit Weihnachten durchgängig Frost und seit Ende Dezember in ganz Hessen bis in die Niederungen Schnee. Doch während Menschen die Wohnungen jetzt intensiver heizen und beim Verlassen des Hauses eine wärmere Jacke, Handschuhe, Schal und Mütze anziehen, sind die heimischen Wildtiere der Wetterlage voll ausgesetzt. Sie sind darauf angewiesen, dass sie sich im Herbst genügend Körperfett und ein dichtes Winterfell oder Federkleid zugelegt haben.

Erschwerte Futtersuche

Trotz guter körperlicher Vorbereitung auf den Winter brauchen auch die Wildtiere dennoch täglich Nahrung, um ihre Wärmeregulation funktionsfähig zu halten. Bei hoher Schneelage kann die Futtersuche besonders für die kleineren Wildtierarten sehr schwierig werden, da sie nicht mehr bis an den Boden an ihre Nahrung gelangen. Während Wildschweine sowie Reh- und Rotwild mit den aktuellen Schneehöhen noch längst keine Probleme haben, haben es die kleinen Arten wie Feldhase oder Rebhuhn und viele Singvögel schon deutlich schwerer, an ihre Nahrung zu gelangen.

Energie sparen gilt auch für Wildtiere

Bei Schnee und Frost ist auch bei den Wildtieren Energie sparen angesagt, denn das ermöglicht es, mit reduzierter Futteraufnahme auch schwierige Wintertage zu überstehen. So werden von ihnen gezielt Bereiche in der Landschaft aufgesucht, welche guten Wetterschutz und gleichzeitig Nahrungsverfügbarkeit bei größtmöglicher Ungestörtheit bieten. Auf diese Weise ist effektives Energiesparen auch für Wildtiere möglich.

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Tarnung geht im Schnee verloren

Die in der Landwirtschaft angebauten Winter-Zwischenfrüchte wie Senf oder Phacelia bieten dem Wild in Herbst und Winter gute Nahrungs- und Versteckmöglichkeiten. Doch nach strengem Frost sind diese Pflanzen überwiegend abgefroren und durch den Schnee flach auf den Boden gedrückt; sie bieten Wildtieren jetzt meist nur noch wenig Deckung. Besonders bei Feldhase und Rebhuhn geht in der schneeweißen Winterlandschaft die bis dahin perfekte Tarnung durch verschiedene Brauntöne in Fell und Gefieder verloren. Braune Flecken fallen in weißer Umgebung optisch sehr stark auf. Nur ihre alpinen Verwandten, Schneehase und Alpenschneehuhn, haben sich über einen jahreszeitlichen Farbwechsel an die Farbe ihrer winterlichen Umgebung angepasst und können sich so ihre Tarnung aufrechterhalten.

Hecken und Strukturen bieten kleinklimatische Bereiche. Foto: LLH

Bei einer geschlossenen Schneedecke besteht daher in unseren Breiten eine erhöhte Gefahr von Beutegreifern wie Fuchs oder Habicht entdeckt und gerissen zu werden. Um dies zu vermeiden, lassen sich Feldhase und Rebhuhn manchmal sogar teilweise einschneien. Dieses Verhalten hat einerseits den Vorteil, trotz brauner Färbung im weißen Schnee nicht aufzufallen, andererseits hat der Schnee eine gewisse isolierende Kälteschutzfunktion und hilft zusätzlich beim Energiesparen.

Familienverband (Kette) bietet jetzt Sicherheit

Während der Einzelgänger Feldhase ohne familiäre Hilfe durch alle Jahreszeiten geht, bleiben besonders die Rebhühner im Winterhalbjahr als „Kette“ im wachsamen Familienverband zusammen. Bei so vielen aufmerksamen Augen ist es für Beutegreifer deutlich schwieriger, sich unbemerkt heranzuschleichen.

Unordnung in der Feldflur wird jetzt zum Lebensretter

Eine gewisse „Unordnung“ in der Feldflur in Form niedriger Hecken, einzelner Sträucher oder nicht gemähter Säume und Böschungen zahlt sich jetzt für unsere Wildtiere aus, denn solche Strukturen sind bei hoher Schneelage die einzige Möglichkeit, ein Versteck mit angenehmerem Kleinklima zu finden. Deutlich weniger Schnee innerhalb der Hecke ermöglicht den Rebhühnern die Futtersuche am Boden. Die am Rande solcher Strukturen noch stehenden Samenstände von krautigen Pflanzen bieten willkommene Nahrung.

Fütterung in Notzeiten

Im Winter füttern Menschen gern die Singvögel in den Gärten und an Häusern. Dass diese Fütterungen bei hohem Schnee und strengem Frost noch intensiver von den Vögeln angenommen werden, ist leicht zu beobachten. Feldhasen schälen gern die liegengelassenen Äste von Obstgehölzen oder Weiden, welche im Herbst und Frühling beschnitten wurden (sog. Prossholz). Rebhühner zu füttern gestaltet sich deutlich schwieriger, da sich diese jetzt wenig in ihrem Lebensraum bewegen und nicht aktiv nach einer Futterstelle suchen. Das langjährige Feldflurprojekt zum Rebhuhnschutz im Schwalm-Eder-Kreis verzichtet vollständig auf die Fütterung von Rebhühnern und arbeitet ausschließlich über die Verbesserung des Lebensraumes, indem in Zusammenarbeit mit vielen örtlichen Landwirten besondere, mehrjährige Blühflächen für Feldvögel angelegt werden und die Kommunen im Projektgebiet ihre Wegränder in reduziertem Maße mähen oder mulchen – so bleibt bei jeder Wetterlage genügend Deckung erhalten.

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Jetzt besonders wichtig: Beunruhigungen vermeiden

Der Kreislauf vieler Wildtierarten läuft in diesen Wintertagen auf niedriger Sparflamme. Viel wichtiger als das Bereitstellen von Fütterungen ist es jetzt, jede Beunruhigung für die Tiere zu vermeiden, denn jede Fluchtreaktion verbraucht unnötig überlebenswichtige Energiereserven. Hält eine hohe Schneelage längere Zeit an und fehlen die überlebenswichtigen Strukturen in der Landschaft, sind Tierverluste nicht zu vermeiden. Viel effektiver als jede Notzeitfütterung ist daher die Anlage und Pflege von abwechslungsreichen Strukturelementen, die bei jeder Wetterlage Rückzugsraum und Schutz bieten können. Etwas mehr Strukturreichtum in der Feldflur sowie Rücksichtnahme beim Winterspaziergang kann den Wildtieren das Überleben in der kalten Jahreszeit ermöglichen./od

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