Ellershausen(Klaus Brill). Eine Delikatesse für Literatur-Liebhaber: die Briefe der Brüder Grimm an ihre Verwandten – Die Kasseler Kulturhistorikerin Dr. Andrea Linnebach stellt sie beim „Literarischen Frühling“ vor. Sie waren wohlerzogen. Wenn Jacob oder Wilhelm Grimm in jungen Jahren ihrer geliebten Tante Henriette einen Brief schrieben, beendeten sie ihn meist mit einer schwungvollen Grußformel: „Ich und meine Geschwister empfehlen uns Ihrer ferneren Gewogenheit und Liebe und ich bin Dero Gehorsamer Neveu (Neffe).“ Henriette Zimmer, die „theuerste und liebste Jungfer Tante“, war die unverheiratete Kammerfrau der Landgräfin von Hessen-Kassel und damit recht gut gestellt. Der Familie ihrer Schwester Dorothea, die nach dem Tod des Familienvaters Philipp Grimm 1796 in finanzielle Schwierigkeiten geriet, griff sie immer wieder unter die Arme. Die Neffen, vor allem Jacob, dankten es ihr mit ausführlichen Briefen und hielten
auch zu anderen Verwandten regelmäßigen Kontakt. Zum Glück ist dieser umfangreiche Schriftwechsel weitgehend erhalten und jüngst von der Kasseler Kulturhistorikerin Dr. Andrea Linnebach erstmals aufgearbeitet worden. Beim „Literarischen Frühling in der Heimat der Brüder Grimm“ stellt die Forscherin das Werk am Donnerstag, dem 26. März 2026 um 16:30 Uhr im Barocksaal von Schloss Friedrichstein in Bad Wildungen vor – dem heutigen Café-Restaurant „Aurora“.
„Es freut mich außerordentlich, dass wir damit wieder eine Veranstaltung in Schloss Friedrichstein haben“, erklärt die Leiterin des Festivals, die Journalistin und Hotel-Direktorin Christiane Kohl: „Ich danke dem Chef des Café-Restaurants Aurora, Deniz Dag, dass er dies möglich macht.“ Gemeinsam habe man ein neues Format für den „Literarischen Frühling“ entdeckt: den „Coffee-Table-Plausch“. „Während vorn auf der Bühne von den Grimms erzählt wird, können die Gäste gemütlich Kaffee trinken in dem herrlichen Ambiente des Barocksaals“, erklärt Kohl. Denn mit dem Ticket für die Veranstaltung bekomme jeder Besucher zugleich ein Gedeck mit Kuchen und Kaffee oder Tee serviert. „Die Zuhörerinnen und Zuhörer werden dabei einen einmaligen Einblick bekommen, nicht nur in die familiären und sozialen Verhältnisse der Familie Grimm, sondern auch in die Zeitumstände und in das Alltagsleben in Kassel und Umgebung in der Zeit um 1800“, erklärt die Festivalleiterin. „Es ist überraschend und entzückend, an tausend Kleinigkeiten zu erfahren, wie Jacob und Wilhelm Grimm sich um ihre jüngeren Geschwister sorgten und wie stark sich das Verhältnis zwischen Kindern und Erwachsenen seit dieser Zeit verändert hat.“
Für die Aufarbeitung der Familiengeschichte ergab sich nach den Worten von Dr. Andrea Linnebach „eine für ihre Zeit geradezu sensationelle Quellenlage“, weil die Grimms so viele Dokumente aufgehoben haben. Dies reicht von den ersten Kinderbriefchen über Schulhefte, Notizen und amtliche Schriftstücke bis zu den Bildern der Vorfahren und Verwandten. Auch die zahllosen Zeichnungen des Malerbruders Ludwig Emil Grimm (1790-1863) gehören dazu. Die erhaltenen Briefe, im Ganzen 664 aus dem Zeitraum zwischen 1789 und 1813, betreffen zu zwei Dritteln den Austausch der Brüder Grimm mit ihrer Tante Henriette und ihrer Mutter Dorothea Grimm, aber auch mit dem Großvater Johann Hermann Zimmer und anderen Verwandten. Der Rest sind Briefe der Verwandten unter einander. Dr. Andrea Linnebach hat das gesamte Konvolut in mehrjähriger Arbeit entziffert, verschriftet, erforscht und kommentiert, 2023 wurde das Werk im Stuttgarter S. Hirzel Verlag veröffentlicht. Wie aus den Briefen hervorgeht, war die umfassende Fürsorge ihrer Tante für die Entwicklung von Jacob und Wilhelm Grimm von entscheidender Bedeutung. Henriette Philippine Zimmer war 40 Jahre lang die Kammerfrau der hessischen Landgräfin und späteren Kurfürstin Wilhelmine Karoline von Hessen-Kassel und verfügte über beste Beziehungen bei Hofe. 1796 holte sie Jacob und Wilhelm Grimm, die bis dahin mit ihrer Mutter Dorothea und vier jüngeren Geschwistern in Steinau bei Hanau lebten, nach Kassel, um ihnen
den Besuch einer höheren Schule zu ermöglichen. Auch in der Studienzeit, die für die Brüder 1802 beziehungsweise 1803 in Marburg begann, kümmerte sich die Tante um sie, indem sie ihre Kosten deckte.
„Sie war so gut und bestand blos in der Liebe zu uns“, schrieb Jacob Grimm nach ihrem plötzlichen Tod 1815. Wie aus dem nun veröffentlichten Briefwechsel hervorgeht, verwöhnte die Tante ihre Neffen und auch die anderen Geschwister der Familie Grimm regelmäßig auch mit kleinen Geschenken. Sie strickte ihnen Strümpfe, nähte ihnen Halstücher und schickte hier und da auch etwas Gutes zum Essen mit. Ihre Briefe sind auch deshalb eine interessante Lektüre, weil Henriette Zimmer orthographisch weit weniger sattelfest war als ihre eifrigen Neffen Jacob und Wilhelm, vieles schrieb sie nach Gehör. Damit stand sie freilich zu ihrer Zeit keineswegs alleine da – die deutsche Rechtschreibung war ja noch nicht verbindlich geregelt. Dr. Andrea Linnebach stammt aus Baden-Württemberg und hat Kunstgeschichte, Empirische Kulturwissenschaft und Pädagogik studiert und in Tübingen promoviert. Danach war sie Mitarbeiterin verschiedener
Museen und wissenschaftlicher Einrichtungen, so der Staatlichen Museen Kassel, des Museums Wiesbaden und des German Historical Institute London. Seit 2009 war sie auch an der Universität Kassel tätig und bearbeitete dort im Rahmen der von Prof. Dr. Holger Ehrhardt geleiteten Stiftungsprofessur zu Werk und Wirkung der Brüder Grimm den zuvor kaum erschlossenen Briefwechsel der Brüder Grimm mit ihren älteren Verwandten.

