Haina(pm). Die Zahl der Demenzkranken in Deutschland steigt stetig an. Die häufigste Form ist die Alzheimer-Demenz. Nun hat die EU-Kommission den Wirkstoff Lecanemab für die Behandlung gegen Alzheimer zugelassen. Es ist das erste Medikament dieser Art. Ab dem 1. September 2025 steht es zur Verfügung und wird auch in der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Haina verwendet. Ärztlicher Direktor Prof. Florian Metzger erklärt im Interview, wie Lecanemab wirkt und für welche Patienten es in Frage kommt. Er informiert zudem über eine geplante Spezial-Ambulanz für Alzheimer-Patienten – das erste Angebot dieser Art in Waldeck Frankenberg.
Wie ist die Wirkungsweise des Wirkstoffs Lecanemab?
Es handelt sich um einen Antikörper gegen das Beta-Amyloid. Das Beta-Amyloid ist ein körpereigener Abfallstoff, der – wenn eine Alzheimer-Erkrankung vorliegt – nicht mehr aus dem Gehirn abtransportiert werden kann und sich als Plaques ablagert. Seit einigen Jahren versucht man geeignete Medikamente gegen diese Beta-Amyloid-Plaques zu entwickeln. Ein Antikörper ist ein Eiweißstoff, der ganz spezifisch, wie ein Schlüssel in ein Schloss, auf die Zielsubstanz passt. Diese Verbindung wird löslich, damit unschädlich gemacht und über das Blut abtransportiert.
Kann jeder an Alzheimer erkrankte Patientin oder Patientin mit dem Medikament behandeltwerden?
Leider ist das Medikament derzeit nur für einen Teil der Menschen, die an einer Alzheimer-Erkrankung leiden, verfügbar. Es handelt sich aktuell um Patienten in einem leichten Demenzstadium oder im Stadium einer leichten kognitiven Beeinträchtigung, bei dem noch nicht die vollen Kriterien einer Demenzerkrankung erreicht werden. Für Menschen, die eine mittelgradige oder schwere Demenzerkrankung haben, kommt dieses Medikament zu spät. In diesen Stadien sind bereits zu viele Nervenzellen so geschädigt, dass die Befreiung vom Beta-Amyloid nicht mehr hilfreich ist. Leider gibt es noch einige weitere Einschränkungen. So können zum Beispiel Menschen mit einer Blutverdünnung (Antikoagulation) kein Lecanemab erhalten.
Ist das Medikament der Durchbruch, den sich Betroffene erhoffen?
Das Medikament ist insofern ein Durchbruch, da wir erstmals ein Medikament zur Verfügung haben, dass kausal, das heißt an der Ursache, der Alzheimer-Erkrankung angreift. Das Medikament bringt jedoch keine Heilung, sondern nur eine Verlangsamung oder ein Aufhalten der Erkrankung. Bereits abgestorbene Nervenzellen kann es nicht wieder lebendig machen.
Wie lange dauert die Therapie mit dem neuen Medikament?
Lecanemab wird als Infusion alle zwei Wochen verabreicht. Derzeit gibt es keine Empfehlung zur Beendigung der Therapie.
Welche weiteren Behandlungsmethoden gibt es in Haina für Alzheimer-Patienten?
In unserer gerontopsychiatrischen Behandlung setzen wir, je nach Symptombild, unterschiedliche Medikamente und andere therapeutische Verfahren, zum Beispiel Psychotherapie, Ergotherapie, Bewegungstherapie und Ähnliches bei Menschen mit einer Demenzerkrankung ein.
Wie viele an Demenz erkrankte Patienten werden in der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Haina jährlich behandelt?
Alles in allem werden pro Jahr bei Vitos Haina fast 1000 Menschen mit einer Demenzerkrankung pro Jahr behandelt, die meisten davon ambulant und häufig mit einer fortgeschrittenen Demenzerkrankung.
Die Zahl der demenzkranken Menschen steigt. Wie reagiert die Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Haina auf diese Entwicklung?
Was in unserem Landkreis bisher fehlt, ist ein spezialisiertes diagnostisch orientiertes ambulantes Angebot. Das bedeutet, eine Spezialambulanz, an die sich Patientinnen und Patienten wenden können mit der Frage: Mir fällt es schwerer mich zu erinnern – habe ich schon eine Demenzerkrankung? Oder: Meinen Angehörigen ist aufgefallen, dass sich mein Gedächtnis verändert hat – was habe ich für eine Erkrankung? Wir sind gerade dabei, in Haina ergänzend zu unserer bereits bestehenden Ambulanz eine Gedächtnis-Ambulanz einzurichten, die auf Demenz-Diagnostik spezialisiert ist, insbesondere bei Menschen, die nur leichte Anzeichen spüren. Dementsprechend ist der Schwerpunkt auf eine Früherkennung von Gedächtnisstörungen ausgerichtet. Diese Ambulanz wird dann auch die medizinischen Voraussetzungen klären, ob das neue Medikament gegeben werden kann und auch die Infusionen verabreichen.
Was erwarten Sie von der Forschung? Wird Alzheimer einmal vollständig eingedämmt werden können?
Ich erwarte, dass in den nächsten zehn Jahren die Medikamente verbessert werden, dass wir in den frühen Phasen einer Alzheimer-Erkrankung – also weit vor den Gedächtniseinbußen – gegen die Amyloidablagerungen im Gehirn medikamentöse aktiv werden. Je früher wir Medikamente einsetzen können, desto weniger Nervenzellen sind abgestorben oder geschädigt, so dass wir vielleicht in der Zukunft die Symptome der Alzheimer-Erkrankung, also die Demenz-Symptome, verhindern können. Eine echte Prävention dieser Amyloid-Erkrankung im Gehirn kann ich mir derzeit nicht vorstellen, da wir noch zu wenig wissen, warum das Gehirn den Weg zum unlöslichen Amyloid einschlägt.
Infokasten: Gedächtnissprechstunde
Die Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Haina betreibt vier Institutsambulanzen im Landkreis Waldeck-Frankenberg, in denen unter anderem Demenzerkrankungen behandelt werden. Für die Spezialsprechstunde zur Demenzdiagnostik am Standort Haina können sich Patienten unter Telefon 0 64 56 ‐ 9 13 11 anmelden. Dafür ist eine vorherige Untersuchung beim Hausarzt nötig.
Zur Person
Prof. Dr. med. Florian Metzger ist seit 2019 Ärztlicher Direktor der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Haina. Der universitäre Forschungsschwerpunkt von Prof. Dr. Metzger sind Demenzerkrankungen. Er ist zudem stellvertretender Sprecher des Referats für Gerontopsychiatrie der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde. Die Klinik ist eine Fachklinik für alle psychischen Erkrankungen des Erwachsenenalters einschließlich der Sucht- und Abhängigkeitserkrankungen. Menschen mit Demenzerkrankungen werden in der spezialisierten Ambulanz in Haina, aber auch in den Ambulanzen in Korbach, Frankenberg und Bad Wildungen behandelt.

