Die Zeit – Ein Phänomen

Besuch in der Uhrenmanufaktur Mühle/Glashütte/SA.
Von Peter Fritschi & Rolf Schumacher. Die traditionsreiche Manufaktur „Nautische Instrumente Mühle-Glashütte/SA. GmbH“ aus Glashütte Sachsen war eines der ersten Unternehmen welches sich in Deutschland mit der mechanischen Zeitmessung beschäftigte. Inzwischen ist die 5. Generation des Familienunternehmens auf der Kommandobrücke und die 6. Generation steht auch schon in den Startlöchern. Glashütte liegt im östlichen Osterzgebirge im Müglitztal. Bei einer exklusiven Werksführung in der Manufaktur gab uns Holger Hillenbrand zuständig für Marketing & Unternehmenskommunikation erste Einblicke in die Zeitmessung und die damit verbundene Uhrenherstellung. Thilo Mühle Geschäftsführer gewährte uns im Anschluss ein autorisiertes Interview.

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Die Menschheitsgeschichte ist geprägt von der Suche des Menschen nach Orientierung, und damit verbunden die Ergründung von Zeitabläufen und Zeitmessungen. Je weiter die Zeit der Menschheit voranschritt und mit Ihr der technische Fortschritt, desto wichtiger wurde die Zeit und die damit verbundene Messung der Zeit. Durch Himmels Beobachtungen des Sonnenlaufs entdeckte der Mensch die Zeit und schuf ein Kalendarium. Sonnenuhren, Wasseruhren Sanduhren waren mehrere tausend Jahre die ersten Hilfsmittel zur Messung der Zeit.

Holger Hillenbrand im Gespräch mit Rolf Schumacher © Peter Fritschi

Tempo und Beschleunigung und die damit verbundene Zeit und deren präzise Messung waren der Welt bis zum Spätmittelalter fremd. Mit dem Aufstieg des Fernhandels und der einsetzenden Industrialisierung, wurde das Messen der Zeit immer wichtiger. Die erste mechanische Turmuhr wird 1284 an der Kathedrale von Exeter (England) in Betrieb genommen. Die schönste aller mechanisch-astronomischen Uhren wurde als Turmuhr in Prag verbaut. Das Uhrwerk wurde im Jahr 1410 von dem Uhrmacher Nikolaus von Kaaden nach den Plänen von Johannes Schindel gebaut, der ab 1409 als Professor für Mathematik und Astronomie an der Karls-Universität Prag tätig war. Mit zunehmendem technischem Fortschritt kam 1510 die erste Hand Uhr Peter Henleins auf den Markt. Und damit begann das Zeitalter der Uhrmacher. Kaum eine andere deutsche Uhrenmarke hat eine ähnlich bewegte Geschichte wie Nautische Instrumente Mühle-Glashütte. Seit über 150 Jahren steht der Name Mühle für die Glashütter Tradition des präzisen Messens. Und seit 26 Jahren firmiert das Traditionsunternehmen unter dem Namen Nautische Instrumente Mühle-Glashütte. Auch wenn sich der Firmenname im Laufe der Jahre geändert hat – Mühle befindet sich immer noch in der Hand der Gründerfamilie.

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Die Geschichte von Mühle-Glashütte begann 1869 in Glashütte als Manufaktur für feinmechanische Präzisionsmessgeräte für die heimische Uhrenindustrie. Zugleich zeichnen die über 150 Jahre Mühle auch ein Stück deutscher Wirtschaftsgeschichte nach: Von der Manufaktur in Glashütte aus wurden verschiedene deutsche Schlüsselindustrien mit hochpräzisen Messinstrumenten und Uhrensystemen beliefert. Von den Bordinstrumenten der legendären Horch- und Maybach-Automobile in der Vergangenheit bis hin zu Schiffsuhrensystemen der AIDA-Kreuzfahrtschiffe in der Gegenwart. Dank des großen Traditionsbewusstseins überstand das Familienunternehmen nach dem Krieg Demontage, Zerschlagung und Enteignung und ist nach der Neugründung 1994 das einzige Uhrenunternehmen in Glashütte, das sich noch in der Hand der alteingesessenen Gründerfamilie befindet. Und der einzige Hersteller im Zentrum der deutschen Uhrenindustrie, bei dem in jeder Phase der Firmengeschichte mindestens ein Mitglied der Familie im Unternehmen selbst oder in den ausgegliederten Volkseigenen Betrieben tätig war.

 Die Familie Mühle ist sehr bodenständig und realistisch, sodass er sich zu GUB- keine Hoffnungen auf eine Neugründung gemacht hat und sich mit der Situation abfinden musste bzw. das Beste daraus gemacht hat. Zeiten Anm.: Die Glashütter Uhrenbetriebe (GUB) wurden am 1. Juli 1951 durch Zusammenschluss des größten Teils der in der damaligen sowjetisch besetzten Zone Deutschlands (SBZ) enteigneten und in “Volkseigentum” überführten Glashütter Uhren- und Feinmechanischen Betriebe, gegründet.  Nach der Wende hat Hans-Jürgen Mühle die GUB verlassen und sich ein neues Betätigungsfeld gesucht. Da in Glashütte keine Schiffsuhren mehr gefertigt werden sollten, er jedoch das Know-how darum hatte, hat er die Gunst der Stunde genutzt und sich mit einem neuen Unternehmen in diesem Bereich selbständig gemacht.  Hans-Jürgen Mühle sagt oft, dass man vergangenen Dingen nicht nachweinen und lieber nach vorne schauen solle. Dies gilt auch für die Enteignungen – auch wenn diese immer ein schwerer Schlag für die Familie waren.
 Thilo Mühle ist 2000 ins väterliche Unternehmen eingetreten und hat in dieser Hinsicht die Familieneinstellung geerbt; die Enteignung von 1972 hat er als 4-Jähriger jedoch nur bedingt zur Kenntnis genommen. Mit Anerkennung spricht er jedoch vom mutigen Schritt seines über 50-jährigen Vaters, der damit ein schon etwas reiferer Firmengründer war.

Werksfoto:Uhrenmanufaktur Mühle/Glashütte/SA.


 Zur Person
Thilo Mühle (52) ist seit 2007 Geschäftsführer der Mühle-Glashütte GmbH. Damit schlägt er denselben Weg ein wie sein Vater Hans-Jürgen Mühle, der das Familien­unter­nehmen 1994 zurück in Privatbesitz überführte und seitdem erfolgreich leitete. Thilo Mühle wurde 1968 in Zossen bei Berlin geboren. Nach seiner Schulausbildung machte er eine Ausbildung zum Werkzeugmacher bei den Glashütter Uhrenbetrieben, an die das Unter­nehmen seiner Vorfahren im Jahr 1980 angegliedert worden war. In den Folgejahren sammelt er Berufs­erfahrung als Werkzeugmacher und als Außendienstmitarbeiter für einen Bad Kreuznacher Uhren­groß­handel. Als Vorbereitung für den Wiedereinstieg ins väterliche Unternehmen (2000) absolvierte Thilo Mühle eine zweijährige Weiterbildung zum Bürokaufmann. Eines seiner ersten Projekte nach der Rückkehr wird die fünfteilige Jubiläums-Edition Hommage an Robert Mühle, die sich zu einem großen Erfolg für Mühle-Glashütte und zu einem gelungenen Einstand für ihn entwickelte. Im Jahr 2004 wird er neben seinem Vater zweiter Geschäftsführer, im Jahr 2007 übernimmt er die alleinige Geschäftsführung der Mühle-Glashütte GmbH. Seitdem führt Thilo Mühle das Unternehmen mit Bedacht und klarer Zielorientierung. Er restrukturiert das Unternehmen, engagiert insbesondere für den Vertrieb ein hochmotiviertes, erfahrenes Team und vollzieht auch damit einen erfolgreichen Generations­wechsel. Nicht nur beruflich sucht Thilo Mühle immer wieder neue Herausforderungen. Zu seinen Hobbys gehören Ausdauersportarten wie Mountainbike- und Rennradfahren. „Nur wer körperlich und mental topfit ist, kann auch beruflich Höchstleistungen bringen“, erklärt Thilo Mühle seine Leiden­schaft für den Sport. Neben dem Radsport gehört auch das Laufen zu seinen Vorlieben.

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Mit Thilo Mühle haben wir folgendes Interview geführt:
Herr Mühle, können Sie sich ein funktionierendes Leben ohne Uhr und Zeit überhaupt vorstellen? 
Nein, ganz ohne eine zeitliche Vorstellung kann der Mensch wahrscheinlich nicht leben – dies legen uns die Abfolge von Tag und Nacht oder die Jahreszeiten einfach nahe. Ihr Beispiel zeigt ja sehr gut, dass selbst die einfachste Gemeinschaft auf zeitliche Verabredungen angewiesen ist. Die Frage ist, wie präzise diese sein müssen.
Persönlich könnte ich mir ein Leben ohne eine zu genau gehende Uhr und damit eine gewisse Entschleunigung durchaus vorstellen. In unserer heutigen Gesellschaft und gerade in wirtschaftlicher Hinsicht halte ich es wiederum für unmöglich, da wir ohne Termine und eine gewisse Pünktlichkeit nicht arbeiten oder selbst in den Urlaub fliegen können.

Herr Mühle, Sie haben ein Alleinstellungsmerkmal, Ihre Zeitmesser tragen einen besonderen Namen „nautische Instrumente“ Das erinnert zunächst mal an Seefahrt. Wann wurde dieser Namen und von welchem Ihrer Vorfahren kreiert?
Dieser Name entstand in der vierten Generation unseres Familienunternehmens. Mein Vater Hans-Jürgen gründete es nach der Wende unter dem Namen „Mühle-Glashütte GmbH nautische Instrumente und Feinmechanik“ neu, da er zunächst Marine-Chronometer und Schiffsuhren fertigte. 1996 kamen die ersten Armbanduhren hinzu.

Herr Mühle, sind mechanische Uhren nicht schon längst zu Oldtimern der Nostalgiker geworden bzw. sind mechanische Uhrwerke heute in einer schnell lebigen Zeit überhaupt noch Zeitgemäß?
Wenn es um eine möglichst präzise Zeitmessung geht, kann man mechanische Uhren schon als Oldtimer bezeichnen. Trotzdem oder gerade deshalb erfreuen sie sich wie historische Automobile aber größter Beliebtheit. Die Faszination an der Mechanik und die Wertbeständigkeit spielen hier eine entscheidende Rolle. Eine wertige Uhr ist fast immer eine mechanische Uhr.
Herr Mühle, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts erfundenen Quarzuhren müssen nicht wieder neu aufgezogen werden. Anstelle einer Feder beherbergen sie eine Batterie, die einen elektrischen Strom an einen Quarzkristall abgibt und diesen in eine regelmäßige Schwingung versetzt.
Haben diese Quarzuhren in der genauen Zeitmessung die mechanischen Uhren nicht längst überrundet?
In Bezug auf die Präzision, haben es mechanische Uhren gegenüber der Quarzuhr natürlich etwas schwerer – bzw. muss man einen viel höheren technischen Aufwand betreiben, um eine annähernde Präzision zu erreichen.
Dafür haben mechanische Uhren andere Vorteile, da die Batterie einer Automatikuhr eben nie im falschen Moment leer ist. Daher gibt es noch Gruppen, die ausdrücklich auf mechanische Uhren Wert legen, weil sie unabhängig von Batterien die Zeit ebenfalls sehr genau anzeigen. 3 bis 4 Sekunden mehr Abweichung pro Tag spielen dabei keine Rolle. Das Seebataillon und die Seebataillon GMT sind ein gutes Beispiel dafür.

Herr Mühle, stoßen mechanische Uhren in manchen Belangen heute nicht schon an Ihre natürlichen Grenzen z.B. in der Formel 1 oder in alpinen Disziplinen wo es bereits um tausendstel Sekunden geht? Haben Ihre Messinstrumente da noch eine Chance?
Hier liegt es glaube ich weniger an der Frage nach Mechanik oder Quarz. Mit einer Armband- oder auch Stoppuhr misst man bei professionellen Wettkämpfen heute nicht mehr. Gerade in der Formel 1 haben mechanische Uhren jedoch einen hohen repräsentativen Wert.

Herr Mühle, es gibt viele Hersteller von Uhren, die meisten der bekannten Hersteller aus der Schweiz, Frankreich oder Deutschland bauen ebenfalls mechanische Uhren. Im oberen Segment nicht nur Uhren mit sehr guter Ganggenauigkeit, diese Hersteller legen auch Wert auf eine luxuriöse Ausstattung und oft auch auf ein prachtvolles Design. Bei der Qualität Ihrer Zeitmesser werden seit 150 Jahren andere Maßstäbe angelegt. Sie beschäftigen sich mit dem Wesentlichen“, mit der Zeit. Ihr Credo ist Präzision, Zuverlässigkeit und gute Ablesbarkeit sowie gradlinig, schnörkellos und schlicht. Können Sie mit diesem technischen Purismus in der heutigen eher oberflächlichen Welt wo der Schein oft das Sein übersteigt, noch mithalten? Oder haben Sie einen speziellen Markt für ihre nautischen Instrumente?
Das Schöne an den vielen verschiedenen Uhrenherstellern ist gerade ihre Verschiedenheit. Wir haben hier unsere Nische bzw. Zielgruppe gefunden und können mit unseren Uhren den Menschen eine Freude machen, die auf funktionalere Zeit-Messinstrumente Wert legen. Viele davon kommen bei Messen und Veranstaltungen auf uns zu mit der Aussage: „Endlich mal eine Uhr, auf der man die Zeit noch richtig erkennen kann.“

Herr Mühle, auf Ihrer Homepage verwenden Sie ein Zitat das im Allgemeinen Lenin zugeschrieben wird „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!“ Ist das noch ein Überbleibsel aus alten sowjetisch geprägten DDR-Zeiten?
Nein, das wäre überinterpretiert. Die Überschrift zu unserer doppelten Endkontrolle spielt einfach mit dem geflügelten Wort.

Herr Mühle, soweit ich informiert bin wurde die familiengeführte Manufaktur Mühle nach der Einführung des Arbeiters und Bauernstaates, durch die Sowjetunion, dem DDR-Staat einverleibt. Die Familienmitglieder wurden enteignet und durften nur noch als Angestellte in ihrem vormals gehörenden Betrieb arbeiten. Hatten Sie dann überhaupt noch einen Einfluss auf die Produktion oder wurden Ihnen per Dekret entsprechende Vorgaben gemacht?
Der erste Familienbetrieb mit dem Namen „R. Mühle & Sohn“ wurde nach 1945 enteignet und in einen VEB umgewandelt. Mein Opa Hans wurde hier Betriebsleiter und musste innerhalb der sozialistischen Planwirtschaft produzieren, was vorgegeben war. Gleichzeitig gründete er jedoch das Familienunternehmen unter dem Namen „Ingenieur Hans Mühle“ neu. Hier bestand ein gewisses Maß an Selbständigkeit bis 1972 auch dieses Unternehmen enteignet wurde.

Her Mühle, wenn man von der Uhrmacherkunst in Glashütte spricht kommt man an großen Namen neben Mühle 1869 auch an der 1845 gegründeten Manufaktur Lange & Söhne nicht vorbei. Was machen Sie anders als die Firma Lange & Söhne, wodurch unterscheiden sie sich und haben sie unterschiedliche Zielgruppen?
Bei Mühle verstehen wir unsere Armbanduhren als sportliche Alltagsuhren bzw. als bodenständige Zeit-Messinstrumente, die man am besten jeden Tag tragen soll. Unser Ansatz ist damit mehr funktionaler Art und wir richten uns an Menschen, die eine Uhr nicht in erster Linie sammeln, sondern in diesem Sinne nutzen möchten.
Herr Mühle, ihre Firma beliefert die Seenotrettungsdienste. Wie schützen Sie Ihre wertvollen Instrumente gegen das aggressive Salzwasser?
Als Material nutzen wir für unsere Gehäuse sehr hochwertigen Edelstahl, der gegenüber Salzwasser eine gute Widerstandskraft besitzt. Darüber hinaus empfehlen wir, eine Uhr nach dem Schwimmen im Meer mit klarem Wasser abzuspülen. Im Rahmen einer Revision sollten zudem die Gehäusedichtungen alle 4-5 Jahre ersetzt werden. Damit ist die Uhr gut geschützt.
Herr Mühle, werden in Ihrer Manufaktur sämtliche notwenigen Teile selbst produziert, d.h. sind sie weitgehend autonom oder haben Sie Zulieferbetriebe? Gibt es noch andere Mühle-Produktionsstätten in der Welt? Wo beziehen Sie Ihre Rohstoffe her?
Unsere Uhren und Uhrwerke gestalten, entwickeln und fertigen wir in unserer Manufaktur in Glashütte, wobei wir wie alle Hersteller auch auf Komponenten verschiedener Zulieferer zurückgreifen. Unter unseren Uhrwerken besitzen die Manufakturwerke der Robert Mühle Modelle den höchsten Eigenfertigungsanteil.
Unser SW 200, Version Mühle ist z.B. eine stark modifizierte Version eines bewährten Uhrwerkes, das wir von dem Schweizer Hersteller Sellita beziehen. Die Basiswerke werden bei uns im Haus zunächst demontiert und geprüft. Anschließend statten wir sie mit unserer patentierten Feinregulierung und anderen Eigenteilen aus.
Bei den Chronographen-Werken mit der Bezeichnung MU 94xx nutzen wir ebenfalls Schweizer Basiswerke, die wir noch tiefgehender modifizieren: u.a. mit einer Glashütter Dreiviertelplatine mit entnehmbarer Ankerradbrücke, Glashütter Gesperr und weiteren Anbauteilen. Diese fertigen wir auf unseren CNC Bearbeitungszentren in Glashütte.

Herr Mühle, wie viele Manufakturen außer „nautische Instrumente Mühle“ und „Lange & Söhne“ gibt es noch in Glashütte?
Aktuell gibt es neun Uhrenhersteller bzw. -marken in Glashütte, fünf davon kann man als Manufakturen bezeichnen.
Herr Mühle, wir bedanken uns für das Gespräch.

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