Nordhessische Tourismuswirtschaft erwartet schwierige Jahre

Tagungen, Kurorte und Gruppenreisen am stärksten betroffen – Region sieht sich gerüstet zur Bewältigung der Krise

Nordhessen(pm). Die nordhessische Tourismuswirtschaft läuft Gefahr durch die Corona-Pandemie dauerhaft Schaden zu nehmen. Dies hat Auswirkungen auf die Attraktivität des Standortes Nordhessen und die Zukunft der ländlichen Regionen. Betroffen sind auch weitere Branchen, denn mehr als jeder zweite Euro der Gäste fließt in den Einzelhandel sowie an weitere Dienstleister. Für die Zukunft sieht sich die Region aufgrund von Qualitätsinitiativen und umfangreichen Investitionen in den vergangenen Jahren jedoch gut gerüstet.

Die Tourismusbranche zählt zu den Wirtschaftszweigen, die am stärksten von der Corona-Pandemie betroffen sind. Konnten im Jahr 2017 laut Berechnungen des Institutes dwif 9,744 Mio. Übernachtungen und 49,5 Mio. Tagesgäste in den fünf nordhessischen Landkreisen und der Stadt Kassel gezählt werden, so erwarten die Tourismusexperten in Nordhessen in diesem Jahr einen Rückgang von ca. 30 %. Damit sinkt der touristische Bruttoumsatz in Nordhessen allein in diesem Jahr um 700 Mio. Euro.

Am stärksten betroffen sind die Tagungshotels und Veranstaltungshäuser, Gruppenreiseziele sowie die Kurorte, deren Rehakliniken ebenfalls in die offizielle Tourismusstatistik einfließen. Wie viele Betriebe aufgrund der Verluste ganz schließen müssen, wird sich erst im Laufe der kommenden Monate und im nächsten Jahr zeigen. Tourismusvertreter gehen von einem Verlust von 10 %, das heißt ca. 6.000 Betten/Schlafgelegenheiten aus. Das hat auch Auswirkungen auf weitere Wirtschaftszweige wie den Einzelhandel sowie das Handwerk, denn laut dwif fließen 53 % des touristischen Bruttoumsatzes in diese Branchen.

Waldeck-Frankenberg am stärksten betroffen

Damit einher geht eine deutliche Steigerung der Kurzarbeit- und Arbeitslosenzahlen. Dies zeigt sich besonders im Landkreis Waldeck-Frankenberg, dem tourismusstärksten Landkreis in Hessen. Laut dem hessischen Regionaldatenreport des IWAK-Institutes haben hier von März bis Juni branchenübergreifend insgesamt 40 % aller Betriebe Kurzarbeit angemeldet. Davon betroffen waren ca. 44 % aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Landkreis Waldeck-Frankenberg.

„Da die Tourismusbranche einen hohen Anteil an Minijobs hat, sind tatsächlich deutlich mehr Menschen betroffen, die nicht in der Arbeitslosen- und Kurzarbeiterstatistik auftauchen“, erläutert Klaus Dieter Brandstetter, Wirtschaftsförderer und Tourismuschef des Landkreises. Die Situation in den 10 nordhessischen Heilbädern verschärft die Situation noch. Durch den Lockdown konnten die Klinken keine Reha- und Kurgäste aufnehmen, dazu entfielen die Kurbeiträge für die Kommunen. Ähnlich ist die Situation in den übrigen nordhessischen Landkreisen und der Stadt Kassel, die jedoch je nach Branchenmix unterschiedlich stark vom Tourismus abhängen.

Andererseits profitiert die Region vom aktuellen Boom im Deutschlandtourismus. Die umfangreichen Investitionen in die touristische Infrastruktur zahlen sich jetzt aus. „In den vergangenen Jahren haben zahlreiche Gastgeber ihre Betriebe modernisiert bzw. neu gegründet, zudem haben die Kommunen in öffentliche Infrastruktur investiert. Vorzeigeprojekte wie die GRIMMWELT in Kassel, die UNESCO Welterbestätten in der Region und die Rad- und Wanderinfrastruktur sind schon jetzt Publikumsmagneten“, berichtet Ute Schulte, Geschäftsführerin der Regionalmanagement Nordhessen GmbH und verantwortlich für die Bereiche Standortmarketing und Tourismus. So sieht sich die Region für die kommenden Monate im Wettbewerb der deutschen Urlaubsregionen gerüstet. Positiv wirkt sich nun auch aus, dass der Auslandstourismus in Nordhessen nur eine untergeordnete Rolle spielt.

Derzeit werden vor allem Ferienwohnungen und Campingplätze im ländlichen Raum gebucht. Aber auch Hotels, die sich auf Urlaubsgäste spezialisiert haben, verzeichnen deutliche Zuwächse. Die Betriebe hoffen auf eine Saisonverlängerung bis in den November, um die Umsatzverluste aus den Monaten März bis Mai zumindest teilweise zu kompensieren.
Auswirkungen auf den Standort Nordhessen
„Wir arbeiten in enger Abstimmung mit den Tourismuspartnern daran, dass die nordhessische Tourismuswirtschaft nicht auf eine längerfristige Rezession zusteuert. Die in den vergangenen Jahren aufgebauten Qualitäts- und Marketinginitiativen erweisen sich jetzt als krisenfest“, so Ute Schulte und nennt als Beispiel die gemeinsam finanzierte Marketingkampagne für den deutschen Markt, die seit einigen Wochen erfolgreich läuft. Eine Rezession hätte durch sinkende Steuereinnahmen auch Auswirkungen auf die finanzielle Situation der Kommunen.

Da die Finanzierung des Tourismus eine freiwillige Aufgabe der Kommunen ist, wären Kürzungen der Ausgaben für touristische Infrastruktur sowie touristische Organisationen zu befürchten. Damit einher ginge eine geringere Attraktivität der Region für Fachkräfte aller Branchen, denn Tourismus ist nicht nur ein bedeutender Wirtschaftsfaktor für die Region, sondern auch ein weicher Standortfaktor, da die Freizeitinfrastruktur ein wichtiger Faktor bei der Entscheidung für einen Arbeitgeber und eine Region sind. Das Regionalmanagement Nordhessen steht mit den nordhessischen Wirtschaftsförderungen und Tourismusorganisationen in einem engen Austausch, um die Folgen der Corona-Pandemie für die Region Nordhessen zu mindern.

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