Herr Müller im Schockraum: Simulations-Training im Kreiskrankenhaus

Foto: Kreiskrankenhaus FRankenberg

Frankenberg(pm). Regelmäßig finden im Kreiskrankenhaus spezielle Schulungen für Notfall-Situationen statt, denn im Fall der Fälle muss es schnell gehen und alles soll reibungslos funktionieren. Kürzlich hatte man dazu das Simulationszentrum Mittelhessen eingeladen, um die Behandlung eines Schwerverletzten im sogenannten Schockraum zu üben. Der Schockraum ist die erste Station im Krankenhaus für Patienten die z.B. aus größerer Höhe gestürzt sind, nach schweren Verkehrsunfällen oder mit schweren Brandwunden eingeliefert werden.

In mehreren Durchläufen wurden drei Teams in einem Notfall-Szenario auf die Probe gestellt. Stefanie Baier und Andreas Lennartz vom Simulationsteam hatten dazu eine lebensechte Puppe mitgebracht. „Herr Müller“ verfügt über Herzschlag, Atmung, Pupillenreflexe und weitere für die Prüfung der Vitalfunktionen wichtige Parameter. Er zeigt – je nach Voreinstellung durch die Simulationsleiter – Symptome von Atemnot, Kreislaufstörungen, Krampfanfall, Flüssigkeitsansammlungen im Gewebe und vielem mehr. Entscheidend ist, dass er auch auf die Behandlung reagiert, die die Teilnehmer an ihm vornehmen. Ob künstliche Beatmung, Medikamentengabe, Punktion oder Luftröhrenschnitt – sofort wird sichtbar, ob die Maßnahmen die gewünschten Folgen haben, ob sich der Zustand des Patienten stabilisiert oder verschlechtert.

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Die Simulation lief folgendermaßen ab: Herr Lennartz vom Simulationszentrum erklärte den Teilnehmern kurz die Funktionen der Puppe. Das Team, bestehend aus Ärzten und Mitarbeitern der Anästhesie, Chirurgie, Notfallambulanz, Röntgenabteilung und Labor, stand wie im echten Fall an der Notaufnahme bereit, um den „Patienten“ vom Notarztwagen in Empfang zu nehmen. Die Angaben des Rettungsdienstes lauteten in einem Szenario z.B.: „Männlicher Fußgänger von Auto angefahren. Bei Eintreffen des Rettungswagens nicht bei Bewusstsein. Geschwindigkeit des PKW nach Aussage des Fahrers etwa 50 km/h.“ Ab diesem Punkt lag alles Weitere in der Verantwortung des Klinikpersonals. Das Team aus Anästhesisten, Notfallsanitätern, weiteren Ärzten und Röntgenassistenten hatte die Aufgabe, zu untersuchen, zu behandeln, den Zustand des Patienten zu stabilisieren und zu diagnostizieren.

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Um den Ablauf im Schockraum zu optimieren, gibt es Regeln und Pläne, die jeder der dort eingesetzt wird beherrscht. Nach der sogenannten ABCDE-Richtlinie werden als erste Maßnahmen die im Zweifelsfall lebensbedrohlichen Zustände erfasst und behandelt. Als besonders hilfreich in dieser Phase beschrieben die Teilnehmer die Koordination der Untersuchungen und Maßnahmen durch einen Teamleiter. Dieser steht mit im Schockraum, hat die notwendigen Checklisten in der Hand, gibt Anweisungen, welche Untersuchungen notwendig sind und teilt diese bei Bedarf den Mitarbeitern zu oder ruft weitere Kollegen aus den Fachgebieten hinzu. Er protokolliert die erhobenen Diagnosen und behält die Übersicht, denn wenn auch alle Mitarbeiter über das notwendige Know-how zur Beherrschung der Situation verfügen, der Stresspegel ist, je nachdem wie kritisch die Lage des Patienten ist, enorm. Sehr hilfreich ist da der Einsatz der sogenannten „10 für 10“ Methode. Sie steht für eine 10sekündige Unterbrechung zur Planung der nächsten 10 Minuten. Ruft einer des Teams ein „10 für 10“ auf, so unterbrechen alle die aktuelle Aufgabe. Man informiert kurz über die bisher erhobenen Fakten, die möglichen Diagnosen und die daraus resultierenden weiteren Behandlungsschritte und ganz besonders über deren Priorisierung. Kommt zum Beispiel ein Patient nach einem schweren Verkehrsunfall in den Schockraum, gibt es viele „Baustellen“. Da gilt es immer wieder neu zu entscheiden, welches gesundheitliche Problem birgt für ihn momentan das größte Risiko für sein Leben oder für bleibende Schäden.

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Nicht zu unterschätzen ist auch die Intuition erfahrener Notfallmediziner. Hat ein Teammitglied den Eindruck, dass die Situation kritischer wird, außer Kontrolle zu geraten droht oder ihm ein mulmiges Bauchgefühl verursacht, ist es wieder gut innezuhalten und zu beraten. Hat man etwas übersehen, stimmt die Diagnose nicht, weil die Ursache der Symptome nicht dort liegt, wo man sie vermutet hat? Herr Lennartz unterstreicht in seiner Einführung bereits die Gefahr, die davon ausgeht, wenn man sich zu schnell „auf ein gesatteltes Pferd setzt und losgaloppiert“. Auch wenn die Symptome des eingelieferten Patienten klar auf eine medizinische Ursache hindeuten, sollten andere Möglichkeiten benannt werden. Ebenso sollte ein Plan B bereitstehen, damit man von dem Geschehen nicht überrollt wird, wenn Plan A nicht wie gewünscht greift, weil die Ursache und Nebengeschehnisse falsch eingeschätzt wurde. Das Simulationsteam beobachtete das Geschehen im Schockraum und griff nicht ein. Die Szene wurde beendet, als der „Patient“ soweit stabilisiert war, dass er an die zuständige Station oder den Not-OP übergeben worden wäre. Danach traf sich das Team zur „Manöverkritik“. Frau Baier lobte die Teams und betonte, dass sie keine Bedenken hätte, sollte sie selbst im Fall der Fälle im Schockraum des Kreiskrankenhauses eingeliefert werden. Sie hob besonders die konzentrierte, ruhige aber beherzte Vorgehensweise und die gute Teamabsprache hervor. Ach noch was…. Herr Müller hat alle drei Szenarien gut überstanden und ist schon wieder in den nächsten Krankenhäusern im Einsatz…

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