Das Zusammenspiel von Herz und Verstand ist entscheidend

„Fachtagung Bildung des Herzens“: Wie frühkindliche Bildung gelingt. (von links nach rechts) Professor Dr. Holger Ziegler, Landrat Manfred Müller, Christiane Kutik, Melanie Mühl und Professor Dr. Michael Böwer diskutierten bei der Fachtagung „Bildung des Herzens“ des Paderborner Kreisjugendamtes, moderiert von Sylvia Homann (ganz links im Bild) von Radio Hochstift. Foto: Kreis Paderborn

Bei der KiTa-Fachtagung drehte sich alles um Empathie und Mitgefühl

Kreis Paderborn(krpb). Ist das nicht „irre“, eine ganze Fachtagung zum Thema Gefühle auszurichten? Landrat Manfred Müller lieferte zur Eröffnung gleich die Antwort auf seine bewusst provokant gestellte Frage: Gebraucht würden Fachkräfte mit emotionaler und sozialer Kompetenz. Oder einfacher formuliert: mit Herz und Verstand. „Und wenn es richtig ist, dass in den ersten Lebensjahren dafür entscheidende Grundlagen gelegt werden, dann ist es Zeit, sich darüber zu unterhalten“, bekräftigte der Landrat. „Bildung des Herzens“ lautete das Thema der Tagung in der Katholischen Hochschule Paderborn, zu der das Paderborner Kreisjugendamt die pädagogischen Fachkräfte aus Kindertageseinrichtungen eingeladen hatte. In den Vorträgen und Workshops ging es um die Frage, wie echte Herzenswärme entwickelt und ausgebildet werden kann. Und um die Frage, ob Empathie eigentlich immer gut sei. Empathie ist dann gut, wenn aus ihr Mitgefühl und damit verantwortliches Handeln erwächst, lautete die Antwort der Referenten.

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Hass und Hetze im Internet, auch der Ton im analogen Leben wird rauer. Gleichzeitig lassen sich die Menschen von ihren Emotionen davon tragen, wenn es zu einem tragischen Unfall kommt oder ein Schicksalsschlag öffentlich sichtbar wird. Empörung über tatsächliche oder vermeintliche verbale Entgleisungen kochen hoch. Genauso schnell ebben diese Wellen wieder ab. Ohne Mitgefühl bleiben Menschlichkeit und das Miteinander jedoch auf der Strecke. Wie funktioniert die Bildung des Herzens? Woher kommt echte Herzenswärme, die trägt? Christiane Kutik ist Coach für Erziehungsfragen, Trainerin und Buchautorin. Sie betonte, dass Kinder sich starke Erwachsene wünschen, die ihnen Halt, Sicherheit und Geborgenheit geben. Dazu gehörten auch Regeln und Rituale. In einem Café habe sie mitbekommen, wie ein Kind unvermittelt seinen Vater fragte, ob es mehr gute als böse Menschen gebe. Der Vater habe gezögert, und dann geantwortet: Ja, und jeder Mensch könne dafür etwas tun. Kutik betonte, dass Erwachsene für Kinder Wegweiser seien. Das könnten sie aber nur, wenn sie auch ihr eigenes Verhalten reflektierten, sich etwas suchten, was ihnen gut tue, um sich selbst aufzuladen und den Blick wieder frei zu bekommen für die schönen Seiten. Der Augenkontakt in der zwischenmenschlichen Begegnung sei wichtig, sie sprach von Lächeldialogen, die für echte Wärme in Begegnungen sorgten.

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Die Journalistin Melanie Mühl gab mit ihrem Artikel in der FAZ im Dezember 2018 über die „Bildung des Herzens“ der KiTa-Fachtagung des Kreises ihren Namen. Mühl ging der Frage nach, wie Empathie gelernt werden könne. Gerade Kindern fehle es noch an dem nötigen Reflexionsvermögen, sich in die Lage des anderen zu versetzen. Auch Mühl unterstrich wie Christiane Kutik die Bedeutung von Augenkontakt und direkten Reaktionen im Umgang mit kleinen Kindern. Das so genannte „Still Face Experiment“ 1975 von Dr. Edward Tronick zeige klar, wie verzweifelt Babys auf fehlende Mimik und persönliche Ansprache reagierten. Als es ihnen nicht gelingt, die Aufmerksamkeit ihrer Mütter zu bekommen, wurden sie unruhig, ängstlich und weinten. Ähnliches dürften Kinder erleben, deren Eltern ständig auf ihr Smartphone schauen. Mühl erzählte von einer Szene in der Frankfurter Innenstadt. Ein kleiner Junge geht in einer noblen Einkaufsstraße an der Hand der Mutter. Vor einem der Geschäfte sitzt ein Bettler mit einem Becher davor. Das Kind greift in seine Hosentasche und wirft ein zusammengeknülltes Stück Papier in den Becher. Glücklicherweise habe die Mutter reagiert, mit dem Kind geschimpft und es aufgefordert, zum Bettler zu gehen, sich zu entschuldigen und das Papier aus dem Becher zu holen. Diese Szene sage erst einmal nichts über das Mitgefühl des Jungen aus. Er habe erst einmal das gemacht, was alle Kinder tun, Grenzen auszutesten. Entscheidend sei, wie Empathie eingesetzt werde, und ob es gelinge, sie in Mitgefühl und tatkräftiges Handeln zu transformieren. „Beim Mitgefühl trifft Herz auf Verstand. Dieses Zusammenspiel ist entscheidend“, bekräftigte Mühl. In Zeiten, wo verbale Aggressivität und offensive Abgrenzung gegenüber allem Fremden zum Alltag gehörten, sei jeder einzelne gefordert, „den humanen Kompass neu auszurichten“.

Professor Dr. Holger Ziegler von der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Universität Paderborn präsentierte die Ergebnisse seiner Studie zum Gemeinschaftssinn von 1000 Kindern und Jugendlichen aus Berlin, Leipzig und Köln im Alter von sechs und 16 Jahren. Holger untersuchte anhand von Fragekatalogen, wie sie mit verschiedenen Aspekten des Gemeinschaftssinns wie Empathie und Solidarität, aber auch mit Gleichgültigkeit und Abwertung von Minderheiten und Schwächeren umgehen. Dabei machte er deutliche Geschlechtsunterschiede aus. So entwickelten deutlich mehr Mädchen als Jungen die Fähigkeit zum Mitgefühl. Jungen hingegen zeigten deutlich mehr abwertendes Verhalten von Minderheiten. Dahinter stecke die Idee, dass wenn man etwas leiste, es auch zu etwas bringe. Wenn also jemand arbeitslos oder obdachlos sei, sein Leben nicht auf die Reihe kriege, sei er eben selbst schuld. Ziegler sah bei Jungen als Grund das klassische Männlichkeitsbild, das des „Machers“. Wenn im Elternhaus Schwächere und Minderheiten diskriminiert würden, schlage sich diese Haltung 1:1 bei den Kindern durch. Fast jedes dritte Kind fühle sich von seinen Eltern nicht genügend beachtet, vermisse das Gefühl der Geborgenheit. Das habe Konsequenzen für die Fähigkeit zur Empathie. Für Ziegler sind die Studienergebnisse alarmierend. Hier drohe die Entsolidarisierung der Gesellschaft. Da könne die Stimmung irgendwann kippen. Demokratische Bildung sei das Gebot der Stunde. Kinder würden deutlich mehr Zeit in Kindergärten und Schulen verbringen. Hier müssten soziale Fähigkeiten wie Empathie, Solidarität, Respekt und Hilfsbereitschaft erfahren, erlernt und verinnerlicht werden.

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Die Herzen der Tagungsteilnehmer eroberten die Kindergartenkinder des Familienzentrums Purzelbaum Delbrück in ihren phantasievollen Kostümen. Sie brachten Szenen aus „Das Schatzbuch der Herzensbildung“ von Charmaine Liebertz auf die Bühne. „Ich bin wie eine Pflanze, die zum Himmel wächst, wenn mein Herz neue Hoffnung schöpft“, heißt es dort optimistisch. Zum Abschied verteilten die Kleinsten Blumen und Herzen. Dekan Professor Dr. Michael Böwer von der Katholischen Hochschule Paderborn zeigte sich so beeindruckt vom Vortrag der Kindergartenkinder, dass er sie spontan einlud zur nächsten KinderUni im Februar 2020.

Hintergrund:

Ziel der KiTa-Fachtagung des Paderborner Kreisjugendamtes ist es, Fachkräften neue Impulse und Anregungen zu zentralen Themen in der frühkindlichen Bildung mit auf den Weg zu geben. In diesem Jahr fand die Veranstaltung in der Katholischen Hochschule in Paderborn unter dem Thema „Bildung des Herzens“ statt. Die Katholische Hochschule Paderborn und das Paderborner Kreisjugendamt arbeiten seit Jahren intensiv zusammen. Im September 2018 entwickelten die Professoren Dr. Gerhard Kilz und Dekan Dr. Michael Böwer zusammen mit dem Kreisjugendamt ein Theorie-Praxis-Modul, um den Kindesschutz stärker in den Lehrplan zu verankern. Bereits ab dem dritten Semester erhalten die Studierenden durchgehend bis zum Ende des Studiums Einblicke, wie Kindesschutz in der Praxis funktioniert. Die Seminarreihen schließen mit einer Prüfung ab. Die Absolventen erhalten ein Hochschulzertifikat, dass sie als qualifizierte Kinderschutzfachkraft ausweist.

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