111 Jahre NABU Hessen

NABU-Landesvorsitzender Gerhard Eppler stellt Aufgaben der Zukunft vor. Foto:Kaltwasser

Ältester Naturschutzverband Hessen feiert Jubiläum

Wetzlar(pm). Im Rahmen der Landesdelegiertenversammlung 2019 feierte der NABU Hessen am 20. Oktober in der Stadthalle Wetzlar mit 120 Delegierten sein 111-jähriges Jubiläum. Als Vogelschutzverein für das Großherzogtum Hessen im Jahr 1908 gegründet, entwickelte sich der mittlerweile über 73.000 Mitglieder zählende Umweltverband über den Deutschen Bund für Vogelschutz (DBV) zum heutigen NABU. „Was vor 111 Jahren mit gerade einmal 1.600 Mitgliedern im Vogelschutz bei Darmstadt begann, hat sich zu einer großen Natur- und Umweltschutz-Bewegung mit über 73.000 Mitgliedern in ganz Hessen entwickelt“, freut sich NABU-Landesvorsitzender Gerhard Eppler. Der Natur- und Umweltschutz sei in der Gesellschaft angekommen. Das breite Themenspektrum der heutigen Aktivitäten zeige, dass der NABU im Laufe seiner wechselvollen Geschichte die großen gesellschaftlichen Herausforderungen der modernen Industriegesellschaft angenommen habe. „Beim NABU Hessen spielt der Arten- und Biotopschutz eine herausragende Rolle. Das fängt mit praktischem Naturschutz vor Ort an und endet im umweltpolitischen Engagement auf Landesebene“, erläutert Eppler.

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Wer Tiere und Pflanzen schützen wolle, müsse heute global denken. „Ob Klimakrise, intensive Land- und Forstwirtschaft, Energie, Mobilität oder Siedlungsentwicklung – Mensch und Natur lassen sich nicht mehr getrennt voneinander betrachten“, erklärt Eppler. So bedrohe etwa die Klimaerwärmung viele seltene Arten, die auf kühlere und feuchte Lebensbedingungen angewiesen sind. Deshalb sei der weitere Ausbau der Windkraft unerlässlich. Er müsse aber, so der NABU, naturverträglich erfolgen, um nicht andererseits die Bestände geschützter Vögel wie Rotmilan und Schwarzstorch zu gefährden. Wer Vögel der offenen Fluren wie Feldlerche, Kiebitz und Rebhuhn bewahren wolle, müsse sich heute primär für eine umfassende Agrarwende und eine Änderung der Ernährungsgewohnheiten einsetzen. „Die Größe unseres ökologischen Fußabdrucks entscheidet letztlich darüber, ob wir die Vielfalt von Tieren und Pflanzen auch vor Ort erhalten können“, so Eppler. In einem Grußwort würdigte die Hessische Umweltministerin Priska Hinz die bedeutsame Rolle des NABU für den Schutz der Mitwelt und erläutert aktuelle Herausforderungen des Natur- und Umweltschutzes.

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Die breite örtliche Basis des NABU Hessen mit 279 Gruppen in 23 Kreisbänden ist ein wichtiger Faktor für die erfolgreiche Naturschutzarbeit des Verbandes. „Nach dem Motto ‚Global denken, lokal handeln‘ sind überall in Hessen Naturfreund*innen vor Ort aktiv und begeistern andere Menschen für die Natur“, erklärte NABU-Landesgeschäftsführer Hartmut Mai. Nicht zuletzt deshalb spiele der Föderalismus im NABU eine große Rolle. Jede Verbandsgliederung lege ihre jeweiligen Arbeitsschwerpunkte selbstständig und in eigener Verantwortung fest. Auch der Jugendverband NAJU Hessen trage wesentlich dazu bei, den Schutz der Mitwelt voranzubringen. Mit ihren insgesamt über 860 Hektar großen Schutzgebieten helfe zudem die NABU-Stiftung Hessisches Naturerbe dabei, wertvolle Refugien für gefährdete Tiere und Pflanzen zu sichern.

Hintergrund – 111 Jahre Naturschutzgeschichte

Im Jahr 1908 rief der Geheime Staatsrat Dr. h.c. Wilhelm Wilbrand in Darmstadt den „Vogelschutzverein für das Großherzogtum Hessen“ ins Leben. Protektor war der Großherzog von Hessen-Darmstadt.

Praktischer Vogelschutz. Im Aufruf von Wilhelm Wilbrand „An Alle und Jeden“ aus dem Gründungsjahr heißt es: „Zwei Hauptaufgaben hat sich der Verein gestellt: Er will zur Erweckung des allgemeinen Interesses Kenntnis verbreiten über das Leben und Treiben unserer Vögel und über die beste Art, sie zu schützen; denn wenn unser Volk erst die Vögel kennt und weiß, was es an ihnen hat, dann wird es auch etwas tun, sie nicht zu verlieren. Dann aber auch will der Verein selbst praktisch im Vogelschutz sich betätigen durch Schaffung von Nistgelegenheiten, Anlage von Vogeltränken und Winterfütterungen, gemeinsame Beschaffung von zweckmäßigen Nisthöhlen usw. wie er denn überhaupt in allen einschlägigen Fragen ein zuverlässiger uneigennütziger Berater sein will.“

Plenum mit Umweltministerin Priska Hinz . Foto: Kaltwasser

Vom Vogel- zum Biotopschutz. Noch immer sind diese Ziele Kernaufgaben der aktuellen Verbandstätigkeiten des NABU: Mit den heutigen Worten werden die Aufgaben wie folgt beschrieben: Umweltbildung, Wissensvermittlung, Artenschutzmaßnahmen, Beratung von Politik und Verwaltung sowie Öffentlichkeitsarbeit. Vom ursprünglichen Vogelschutz hat sich ab den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts das Tätigkeitsfeld auf den gesamten Bereich des Arten- und Biotopschutzes ausgebreitet. Dies spiegelt sich auch in der mehrfach geänderten Namensgebung des Verbandes wider. Die Gründung des Vereins erfolgte, wie in vielen Bereichen des Vogelschutzes, Naturschutzes und Heimatschutzes in dieser Zeit durch leitende Forstleute. So war auch Dr. Wilhelm Wilbrand Chef der Forstverwaltung im Großherzogtum.

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Kleine Historie zur Namensgebung des NABU Hessen

1908 Vogelschutzverein für das Großherzogtum Hessen

1927 Vogelschutzverein für Hessen

1934 Bund für Vogelschutz, Landesgruppe Hessen (es erfolgte der Beitritt in den

1899 von Lina Hähnle gegründeten Bund für Vogelschutz)

1938 Reichbund für Vogelschutz, Landesgruppe Hessen (gem. Runderlass zur Regelung des Vereinswesens auf dem Gebiete des Naturschutzes des Reichsforstmeisters Hermann Göring als Oberste Naturschutzbehörde vom 24.09.1938

1948 Bund für Vogelschutz Landesgruppe Hessen (Neuaufbau)

1965 Deutscher Bund für Vogelschutz, Landesverband Hessen e.V. (DBV)

1978 Deutscher Bund für Vogelschutz – Verband für Umwelt und Naturschutz – Landesverband Hessen e.V. (DBV)

1987 Deutscher Bund für Vogelschutz / Deutscher Naturschutzverband, LandesLandesverband Hessen e.V. (DBV)

1990 Naturschutzbund Deutschland, Landesverband Hessen e.V. (NABU)

2018 NABU (Naturschutzbund Deutschland) Landesverband Hessen e.V.

Problematische Nazizeit. Im Dritten Reich wurde der Verein gemäß eines Runderlasses zur Regelung des Vereinswesens auf dem Gebiet des Naturschutzes des Reichsforstmeisters Hermann Göring als Oberste Naturschutzbehörde vom 24.09.1938 gleichgeschaltet, wobei der Vorsitz bei Dr. Karl Hesse bliebt, der sein Amt bis 1952 innehatte. Aus dieser Zeit liegen leider keine Unterlagen vor. Der Verein dürfte dem damaligen Zeitgeist gefolgt sein und hat sich nicht durch Widerstandshandlungen bemerkbar gemacht.

Landesforstmeister und Biologen. Bis 1980 waren immer die jeweiligen Landesforstmeister auch Vorsitzende des Bundes für Vogelschutz. Von 1980 bis 1990 wurden Politiker zu Vorsitzenden gewählt. Es waren die Mitglieder des Landtages Dr. Sybille Engel (FDP) und Dr. Werner Best (SPD). In dieser Zeit wurde die Umweltbewegung gesellschaftlich stärker. Die Antiatombewegung und zahlreiche Umweltprobleme führten zur Gründung von weiteren Umweltorganisationen. Der Deutsche Bund für Vogelschutz tat sich mit Veränderungen und der Ausweitung des Aufgabenbereichs vom Vogelschutz zum Naturschutz zunächst schwer. Erst 1990 führte eine Namensänderung auch zu einer wirklichen thematischen Neuausrichtung. In 1990 ging der Verbandsvorsitz dann an Biologen und der Aufbau einer mit hauptamtlichen Mitarbeiter*innen besetzten Landesgeschäftsstelle wurde intensiv fortgeführt.

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Größter Naturschutzverband. Heute ist der NABU Hessen mit über 73.000 Mitgliedern in 23 Kreisbänden und 279 NABU-Gruppen flächendeckend vertreten und Hessens größter und ältester anerkannter Naturschutzverband. Auf Bundesebene unterstützen über 700.000 Mitglieder in 16 Landesverbänden den NABU. In der hessischen Landesgeschäftsstelle arbeiten inzwischen 15 hauptamtliche Mitarbeiter*innen. Eine möglichst flächendeckende Präsenz in den Städten und Gemeinden ist dem NABU seit seiner Gründung wichtig. Dies zeigt sich besonders in der Entwicklung der Mitgliederzahlen und der Anzahl der örtlichen NABU-Gruppen und Kreisverbänden in Hessen.

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Heutige Ziele und Aufgaben. Im Jahr 2019, 111 Jahre nach der Vereinsgründung, formuliert der NABU Hessen seine Ziele folgendermaßen: „Der NABU möchte dafür begeistern, sich in gemeinschaftlichem Handeln für Mensch und Natur einzusetzen. Wir wollen, dass auch künftige Generationen eine Erde vorfinden, die lebenswert ist. Der NABU setzt sich darum für den Schutz vielfältiger Lebensräume und Arten ein sowie für gute Luft, sauberes Wasser, gesunde Böden und den schonenden Umgang mit endlichen Ressourcen.“ Angegangen werden diese Ziele auf allen Verbandsebenen mit zum Teil unterschiedlichen Schwerpunkten.

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Zehn Jahre NABU-Stiftung. Mit dem Motto „Natur bewahren – Bleibendes schaffen“ hat es sich die 2009 gegründete NABU-Stiftung hessisches Naturerbe zur Aufgabe gemacht, durch den Ankauf von schützenswerten Lebensräumen Heimstätten von Tieren und Pflanzen auf Dauer zu sichern und zu erhalten. Das Stiftungsvermögen ist in den zehn Jahren seit Gründung auf rund 7,8 Mio Euro angewachsen, die in den rund 860 Hektar Eigentumsflächen investiert wurden. Größere Flächenprojekte sind die Vogelsbergteiche, die Grünaue bei Eltville, das Wiesenbrüterprojekt im Vogelsberg, die Feuchtwiesen von Glimmerode, die Ederauen von Rennertehausen und die Bruchwiesen von Büttelborn. Auch für zwei Flächen des Nationalen Naturerbes, den Seilerberg im Habichtswald und den Weinberg bei Wetzlar hat die NABU-Stiftung die Verantwortung übernommen.

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