Den letzten Weg in Würde gehen

Damit Menschen in Würde Abschied nehmen können - Foto: Kreis Paderborn - von links nach rechts: Landrat Manfred Müller, Irmgard Hewing (ALPHA NRW), Nadine Kröger (Lebenshilfe Kreisverband Paderborn e.V.), Heike Bade (ambulanter Hospizdienst St. Johannisstift), Margot Becker (Kreis Paderborn, Sozialamt), Sylvia Riekschnietz (Palliativmedizinischer Konsildienst), Brigitte Badke (ambulanter Hospizdienst Tobit), Longinus Lomp (Ev. Altenheim St. Johannisstift) bei der Informationsveranstaltung im Paderborner Kreishaus

Informationsveranstaltung zur Hospiz- und Palliativversorgung im Kreis Paderborn

Kreis Paderborn(krpb). Ob zu Hause, im Pflegeheim, Hospiz oder Krankenhaus: Schwerstkranke und sterbende Menschen brauchen und wollen die Gewissheit, dass sie in der letzten Phase des Lebens bestmöglich versorgt und begleitet werden. Der Gesetzgeber hat im Dezember 2015 durch das Hospiz- und Palliativgesetz dafür die Weichen gestellt. Versicherte haben seitdem einen Anspruch auf individuelle Beratung und Hilfe durch die gesetzlichen Krankenkassen bei der Auswahl und Inanspruchnahme von Leistungen der Palliativ- und Hospizversorgung. Sterbebegleitung ist seit Dezember 2015 zudem ausdrücklicher Bestandteil des Versorgungsauftrages der sozialen Pflegeversicherung. Das ist die Theorie. Und wie sieht es in der Praxis aus? Ist der Kreis Paderborn gut aufgestellt? Die Ansprechstelle im Land NRW zur Palliativversorgung, Hospizarbeit und Angehörigenbegleitung (ALPHA) sowie das regionale Palliativ- und Hospiznetzwerk luden in Zusammenarbeit mit dem Gesundheits- und Sozialamt des Kreises Paderborn ins Kreishaus ein, um mit Verantwortlichen und Fachkräften aus Einrichtungen die vorhandenen Angebote und Kooperationen zu sichten und zu überlegen, wie diese weiterentwickelt werden müssen.

Mit zunehmendem Alter wächst die Wahrscheinlichkeit, schwer zu erkranken oder pflegebedürftig zu werden. Im Kreis Paderborn sind derzeit über 10.700 Menschen pflegebedürftig. Hinzu kommen noch jüngere Menschen, die an einer schweren und/oder lebensverkürzenden Erkrankung leiden. Die meisten haben den Wunsch, zu Hause in der Familie oder im vertrauten Freundeskreis zu sterben. Den wenigsten ist das vergönnt: 40 Prozent versterben in Krankenhäusern. Für 30 % ist die Pflegeeinrichtung der letzte Wohn- und Sterbeort. Hinzu kommen die stationären Einrichtungen der Eingliederungshilfe, in denen Menschen mit Behinderungen und Suchterkrankungen viele Jahre und Jahrzehnte leben, versorgt und bis zuletzt begleitet werden.

„Mir liegt es sehr am Herzen, dass schwerstkranke Menschen selbstbestimmt über Behandlungs- und Versorgungsmöglichkeiten am Lebensende entscheiden und sie ihren letzten Weg in Würde gehen können“, betonte Landrat Manfred Müller zu Beginn der Veranstaltung. Die Heimaufsicht des Kreises frage ganz gezielt nach Konzepten zur Palliativ- und Hospizversorgung in Alten- und Pflegeeinrichtungen. „Unser Ziel ist es, Angebote vor Ort auszubauen und sie bekannter zu machen“, bekräftigte der Landrat.

Margot Becker, Sozial- und Fachplanerin des Paderborner Kreissozialamtes, skizzierte die Versorgungsstruktur: So gibt es im Kreis Paderborn einen Palliativmedizinischen Konsiliardienst, der sich um 520 Patienten kümmert. Drei ambulante Palliativpflegedienste versorgen 210 Menschen, fünf ambulante Hospizdienste kümmern sich um 203 Patienten. Neun Familien im Kreis Paderborn werden von einem ambulanten Kinder- und Jugendhospizdienst betreut. Die Hospizarbeit wird fast ausschließlich von ausgebildeten Ehrenamtlichen mit Unterstützung von hauptamtlichen Fachkräften geleistet. Becker präsentierte zudem das Ergebnis ihrer Umfrage unter 38 Alten- und Pflegeeinrichtungen: Danach haben alle ein Konzept zur Palliativversorgung. 71 % kooperieren mit Vertragsärzten zur Palliativversorgung, 65 % mit ambulanten Hospizdiensten. Ca. 70% der Pflegeeinrichtungen haben eigene Palliativ-Care-Fachkräfte für die Sterbebegleitung ausbilden lassen. Ihr Fazit: Ein weiterer flächendeckender Ausbau von Hospiz- und Palliativversorgung bedeutet zusätzliche Fachkräfte, eine bessere finanzielle Unterstützung der Einrichtungen und natürlich eine enge Kooperation zwischen allen Beteiligten.

Irmgard Hewing von ALPHA NRW warb eindringlich für die Vernetzung aller Einrichtungen vor Ort. Zwar werde die ambulante Versorgung ständig verbessert. Dennoch werde das Heim sehr wahrscheinlich zur Wohnalternative, weil eine selbständige Lebensführung trotz familiärer und professioneller Unterstützung irgendwann nicht mehr möglich sei. „Die Zeit der inneren Auseinandersetzung und des Abschieds verkürzt sich in den stationären Einrichtungen zunehmend“, erläuterte Hewing. Durchschnittlich blieben die Menschen 20 Monate im Heim. Etwa jeder Dritte versterbe innerhalb der ersten drei Monate nach Umzug in ein Heim, 60 % innerhalb des ersten Jahres. Gerade deshalb sei es so wichtig, die Bedürfnisse sterbender Menschen vor Augen zu haben. Sterbende möchten bis zuletzt ihre Würde und das Recht auf Selbstbestimmung wahren. Sie möchten Dinge zu Ende bringen und Abschied nehmen können. Dazu bedarf es Menschen, die „wahrhaftig und mitfühlend sind“, so Hewing. Für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Einrichtungen sei das eines besonders wichtige aber auch belastende Tätigkeit. Die gesetzlichen Anforderungen und Erwartungen der Gesellschaft seien enorm hoch. Ohne Qualifizierung, Kooperation uns ausreichende Finanzierung sei das alles jedoch nicht leistbar. „Reden Sie miteinander, bleiben sie im Gespräch“, bekräftigte Hewing.

Ulrike Molitor vom Haus Pauline v. Mallinckrodt, Longinus Lomp vom Ev. Altenheim St. Johannisstift Paderborn, Brigitte Badke und Heike Bade, beide arbeiten in ambulanten Hospizdiensten, sowie Sylvia Riekschnitz vom Palliativmedizinischen Konsildienst stellten die Idee und die vorhanden Strukturen der Hospizarbeit vor: Die Begleitung schwerstkranker oder sterbender Menschen ist mit Ängsten und Unsicherheit verbunden. Auch fehlt es an Wissen. Cicely Saunders hat das erkannt und entwickelte ein ganzheitliches Konzept in der Sterbebegleitung. 1967 eröffnete sie das erste Hospiz, Hospiz kommt von „Herberge“, in England. Die vier Säulen der Hospizidee bestehen aus der psycho-sozialen und spirituellen Begleitung sowie der palliativen Medizin und Pflege. Bei der psycho-sozialen und spirituellen Begleitung geht es darum, Sterbende und ihre Angehörigen emotional zu unterstützen und die letzten Dinge zu klären. Gerade am Ende des Lebens stellt sich die oftmals die Sinnfrage. Palliative Medizin bedeutet, dass die Patienten medikamentös so eingestellt werden, dass ihre Beschwerden gelindert und sie möglichst schmerzfrei sind. Ziel ist es, die Lebensqualität in der letzten Lebensphase so gut wie möglich sicherzustellen.

Nadine Kröger von der Lebenshilfe Kreisverband Paderborn stellte in ihrem Vortrag die Frage, ob das Palliativ-Care-Konzept auch für Menschen mit geistiger oder mehrfacher Behinderung geeignet sei. Sie wies darauf hin, dass Menschen mit geistiger Behinderung häufig nur eingeschränkt verbal kommunizieren könnten. Hier müssten ungewohnte Wege der Kommunikation beschritten werden, z.B. durch Mimik, Gebärden- oder auch Körpersprache. Da erst in diesen Tagen Menschen mit Behinderungen eine ähnliche hohe Lebenserwartung wie Gesunde haben, „stehen wir da noch ganz am Anfang“, bekräftigte Kröger. „Wir schaffen das nicht allein“: Das war das Fazit der abschließenden Gruppenarbeit: Multiprofessionelle Teams in den Einrichtungen, mehr Zeitressourcen, eine gesicherte Finanzierung und Unterstützung durch Bildungseinrichtungen werden gebraucht, um schwerstkranken und sterbenden Menschen bestmögliche Begleitung und ein Abschied in Würde zu ermöglichen. Alle Angebote in der Hospiz- und Palliativversorgung und viele weitere Infos im Pflegeportal des Kreises Paderborn: www.kreis-paderborn.de.

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